Demonstrationen und Drohungen: Proteste um eine Ausstellung

Die Künstlerin Ahlam Shibli zeigt in Paris eine Fotoserie über den palästinensischen «Märtyrer»-Kult. Jüdische Organisationen kritisieren die Aufmachung der Ausstellung und sprechen von «Verherrlichung des Terrorismus». Die Museumsdirektorin erhielt Morddrohungen.

Mann mit Megafon vor einem Foto eines Gefallenen Palästinensers.

Bildlegende: Ausschnitt eines Bildes der Künstlerin Ahlam Shibli über palästinesischen «Märtyrer»-Kult. Courtesy de l’artiste, © Ahlam Shibli

Wer die Jeu de Paume-Galerien in den Pariser Tuilerien besucht muss sich auf penible Sicherheitskontrollen wie am Flughafen einstellen. Metalldetektoren sind im Einsatz. Jede Handtasche, jeder Rucksack wird genauestens durchsucht. Wegen Bombenalarms musste das Museum in den vergangenen Tagen schon zweimal evakuiert werden.

Grund für die explosive Stimmung ist die Ausstellung «Phantom Home» der palästinensischen Fotografin Ahlam Shibli: Eine Ausstellung, die im Frühjahr problemlos schon in Barcelona gezeigt wurde, in Paris aber eine heftige Polemik ausgelöst hat.

Über den Kult der Palästinenser um tote Kämpfer

Zu sehen sind fünf Fotoserien, die in verschiedenen Ländern entstanden sind. Shibli zeigt zum Beispiel das Leben von Kindern und Jugendlichen in einem polnischen Waisenhaus oder ehemalige Résistance-Kämpfer in der französischen Stadt Tulle.

Doch es sind die Bilder im letzten Raum der Schau, die in Frankreich für Zündstoff sorgen: «Death» heisst die Serie von 68 Fotografien. Ahlam Shibli dokumentiert hier den Kult der Palästinenser um die Männer und manchmal auch Frauen und Kinder, die im Konflikt mit Israel getötet wurden – in Kämpfen mit der israelischen Armee oder als terroristische Selbstmordattentäter.

Frau reinigt Bilder von Verstorbenen.

Bildlegende: Ohne Titel (Tod Nr. 33), Palästina, 2011-2012 Ahlam Shibli

Märtyrer ohne Anführungszeichen

Überall, in Straßen und auf Friedhöfen, in Wohnungen und Cafés hat Ahlam Shibli Poster und Bilder fotografiert, mit denen die Menschen in Nablus im Westjordanland an ihre Toten erinnern. So sieht man zum Beispiel ein Wohnzimmer im Balata-Flüchtlingslager, wo eine Frau dabei ist, Fotos eines toten Kämpfers der Al-Aqsa-Brigaden mit dem Staubwedel zu säubern.
In kurzen Begleittexten erläutert die Fotografin ihre Bilder. Sie schreibt von den «Morden an Israelis», die die Männer begangen haben. Doch immer wieder nennt sie diese Männer auch «Märtyrer», ohne den Begriff in Anführungszeichen zu setzen. Vor allem gegen diese Wortwahl richtet sich der Protest jüdischer Organisationen.

Die Ausstellung sei «Verherrlichung des Terrorismus»

Die Ausstellung sei ein «Propaganda-Werk» und eine «Verherrlichung des Terrorismus», hieß es Anfang Juni in einem Protestbrief der französisch-jüdischen Dachorganisation «Conseil représentatif des organisations juives de France» (Crif) an Frankreichs Kulturministerin Aurélie Filippetti.
Das Jeu de Paume ließ daraufhin in der Ausstellung Warnschilder anbringen. Dort wird der dokumentarische Ansatz der Künstlerin erklärt und klar gestellt: Es gehe keinesfalls um «Verherrlichung des Terrorismus». Am 26. Juni organisierte das Museum auch eine Diskussionsveranstaltung über die Ausstellung und die Rolle der Kunst- und Meinungsfreiheit.

Morddrohungen für die Museumsdirektorin

Die erbitterten Gegner der Fotoausstellung scheinen allerdings unzugänglich für kunstkritische Erklärungen oder Diskussionen. Sogar eine Morddrohung hat die Direktorin des Jeu de Paume erhalten. Für Sonntag, den 30.6. hat der Verein «France – Israel» zu einer Demonstration vor dem Jeu de Paume aufgerufen: «gegen die Ausstellung, die den Terrorismus verherrlicht».