Der Stargast beim diesjährigen Comixfestival Fumetto in Luzern

Gabriella Giandelli ist in der Comicszene ein Star. Ihr Stil ist unverwechselbar. «Ich brauche mehr als ein Bild für die Wahrheit», sagt sie. Und die Wahrheit müsse nicht realistisch sein. So haftet ihren Bildern immer etwas melancholisch Entrücktes an. In Luzern hat sie etwas ganz Besonderes vor.

Schwarz-weiss Comic mit einer Braut im Vordergrund, im Hintergrund steigt ein Mann über eine dunkle Mauer.

Bildlegende: Gabriella Giandelli hat ein Faible für das Unheimliche und für suchende und zweifelnde Figuren. ZVG / Fumetto

Gabriella Giandelli kommt in das kleine, bis zur Decke mit Büchern und Katalogen vollgestopfte Büro des Fumetto und ist eine Erscheinung. Gross und drahtig ist sie und mit ihren schwarzen Augen und der Zahnlücke sieht Giandelli aus, als wäre sie selbst einem Comic entsprungen.

Doch die Italienerin redet wenig über sich selbst, sie macht lieber gleich ihre Leidenschaft zum Thema des Gesprächs: Das Comic-Zeichnen. «My first love», schmunzelt sie.

Als der Comic zur Kunstform wurde

Angefangen hat ihre Liebe in den 80er Jahren, wo Giandelli zum ersten Mal erlebte, wie Comics auch etwas anderes sein konnten als serielle Schwarzweiss-Hefte gefüllt mit irgendwelchen Superhelden. «Es war eine Avantgarde im Gang» meint Giandelli. Progressive Zeichner wie Lorenzo Mattotti oder Tanino Liberatore sorgten mit ihren untypischen Zeichenstilen für Aufsehen in der Szene und der Comic fing an, sich zu einer eigenwilligen Kunstform zu entwickeln.

Und Giandelli war mittendrin: «Diese neuen zeichnerischen Freiheiten waren für mich eine Erleichterung. Zu sehen, dass es sich nicht immer um Serien und immer gleiche Charaktere drehen muss, dass ich auch eine eigene Sprache für meine Geschichten entwickeln kann.»

Sie wollte Geschichten erzählen und fand im Comic die ideale Form dazu: «Ich arbeite immer narrativ. Und meine Ideen lassen sich nicht in einzelne Bilder packen. Ich muss eine Entwicklung zulassen, sie wachsen lassen. Nur so entsteht etwas Lebendiges, etwas Wahres.»

Wahrheit ist nicht immer realistisch

Comicseite mit vier Bildern, junger Mann, nackter Oberkörper greift in eine Schachtel mit einer Rasierklinge.

Bildlegende: Gabriella Giandelli erzählt Geschichten unter der Oberfläche der Normalität. ZVG / Fumetto

Diese Wahrheit muss nicht immer realistisch sein, im Falle der italienischen Zeichnerin ist sie das sogar sehr selten. Vielmehr ist es ein magischer Blick auf die Wirklichkeit, den uns Giandelli in ihren Comics bietet.

So wird zum Beispiel in «Interiorae» ein Wohnhaus zu einem lebendigen Organismus, der von den Träumen der Bewohner nährt und von einem Hausgeist im Keller aufrechterhalten wird. «Und wenn der Geist verschwindet, dann stürzt auch das Haus ein», erzählt Giandelli und es klingt wie ein Ghibli-Film zwischen Buchdeckeln.

Sie lacht über den Vergleich. Ja, magisch seien die Geschichten allemal. Aber das mache sie nicht weniger wahr.

Die Verbindung von Sakralem und Natürlichem

Auch am Fumetto, wo die Künstlerin dieses Jahr als Stargast anwesend ist, ist Magisches im Gange. Oder es sieht zumindest so aus: Mitten in der Kapelle an der Rössligasse 12, wo Giandelli ausstellt, stehen zwischen den gerahmten Zeichnungen der Künstlerin zwei grosse Birken.

Die Birke, ein zarter Baum, der aber seine Wurzeln tief in die Erde schlägt und sehr ausdauernd ist, sei nicht nur omnipräsent in Giandellis Zeichnungen, sondern auch exemplarisch für das ausdrucksstarke Werk der Italienerin, meint Kuratorin Jana Jakoubek.

Auch die Kapelle passe sehr gut zu Giandellis Lebenseinstellung. «Sie betrachtet die Natur als etwas Heiliges und diese Verbindung zwischen Magie und Realität, zwischen Sakralem und Natürlichem ist es, was diese Künstlerin so ausserordentlich macht.»

Zur Person

Zur Person

Gabriella Giandelli ist 1963 in Milano geboren und gilt als eine der renommiertesten Comiczeichnerinnen Europas. Neben ihrer Tätigkeit als Comic-Künstlerin, arbeitet sie als Illustratorin für diverse internationale Verlage und Publikationen, unter anderem dem New Yorker, Le Monde, La Repubblica oder Vanity Fair.

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