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Kunst Die neue Lust an «echten» Bildern

Schweizer Malerinnen und Maler haben wieder Lust am Raum. Sie spielen mit Zwei- und Dreidimensionalität – und reagieren damit auf die digitale Bilderwelt. Das zeigen zwei aktuelle Ausstellungen.

Der Zürcher Künstler Christian Vetter setzt gemalte Zeichen auf die Leinwand, die sowohl an Schriftzeichen erinnern wie auch an geometrische Figuren. Die Zürcherin El Frauenfelder kreiert architektonische Szenen: Sie trägt die Farbe dick auf oder klebt Ausschnitte aus älteren Bildern auf ihre Malgründe, womit ihre Werke dreidimensional werden. Daniel Karrer aus Basel indes malt illusionäre Räume, in denen sich Landschaften und ganze Dörfer auf Tischen ausbreiten.

Diese drei Kunstschaffenden sind gemeinsam in der Ausstellung «Malerei zwischen Raum und Abstraktion» im Kunstmuseum Olten zu sehen. Sie sind, wie Museumsdirektorin Dorothee Messmer sagt, «in einer Schwebeposition zwischen dem Figurativen und der Abstraktion.»

Und sie beschäftigen sich alle drei mit der besonderen Wirkung der Malerei. Dorothee Messmer: «Die Malerei wurde seit den 1970er-Jahren immer wieder totgesagt. Und doch ist sie das Medium, das am aufgeladensten ist. Wenn man von Kunst spricht, denkt man Malerei.»

Die Skepsis gegenüber digitaler Medien

Es ist nicht nur die besondere Aura der Malerei, die Künstlerinnen und Künstler heute wieder interessiert. Es ist auch ihre physische Dimension. Wenn El Frauenfelder Ausrisse alter Bilder auf ihre Gemälde aufklebt, entsteht eine Art Relief: Ein Werk mit einer plastischen Oberflächenstruktur, das sich von den glatten Bildern digitaler Medien unterscheidet. Bildwelten zu schaffen, die sich von den digitalen Bildern abheben: Darum gehe es vielen Kunstschaffenden heute, wenn sie sich mit Malerei und Raum beschäftigen, erklärt Dorothee Messmer.

Hinter der neuen Lust an gemalten Räumen steckt eine tiefe Skepsis digitalen Medien gegenüber, die dabei sind, unser Bildverständnis zu verändern. Dorothee Messmer vergleicht diesen Prozess mit jener Veränderung des Sehens, die die Fotografie bewirkt hat. «Es hat lange gedauert, bis wir realisiert haben, dass Fotos keinen Anspruch auf Realität erfüllen, sondern bearbeitet werden können.» Mit der Digitalisierung haben diese Bearbeitungsmöglichkeiten zugenommen. Dorothee Messmer: «Die Bildinformationen, die wir heute erhalten, stimmen nicht mehr mit unserem Bedürfnis nach Authentizität überein.»

Verunsichernde virtuelle Welt

Auch Eva Inversini vom Kunsthaus Grenchen beobachtet, dass die virtuellen Bilder aus dem Web Verunsicherung erzeugen: «Wir werden oft damit konfrontiert, dass das, was man sieht, gar nicht so existiert hat.»

Tuschezeichnung: Ein Mann hält ein Band, das sich zu einer Zimmerecke verwandelt. Dahinter kommt ein anderer Mann hervor.
Legende: Andreas Hofer, «Kurzgeschichten», 2014, Tusche auf Papier, Foto Alexandra Roth. Andreas Hofer, Bremgarten

Eva Inversini zeigt in Grenchen den Solothurner Künstler Andreas Hofer, der sich seit Jahrzehnten mit dem Thema Raum beschäftigt. In Bildern, Zeichnungen, fotografischen Arbeiten schafft er illusionäre, verwirrende Räume, in denen ein geschwungenes Band zu einer Zimmerecke, Farbflächen zu einem Ausblick ins Weite werden können.

Unzuverlässige Bilder

In einigen seiner aktuellen Arbeiten setzt sich Hofer sehr direkt mit der unzuverlässigen Bildwelt der digitalen Medien auseinander. Er druckt etwa Bilder von Fertighäusern aus dem Internet aus und überzieht sie partiell mit einer dicken, glänzenden Kunstharzschicht. Diese unterstreicht jene Künstlichkeit, die man in den Bildern zu erkennen glaubt – ohne sich ganz sicher zu sein, ob die Bilder nun bearbeitet wurden oder nicht.

Früher habe man noch sehen können, ob Bilder retouchiert wurden, sagt Andreas Hofer, «heute ist das alles auswechselbar geworden.» Kunst ist für ihn und viele andere Kunstschaffende auch ein Mittel, um die Künstlichkeit der Bilder zu hinterfragen, von denen wir im Alltag umgeben sind.

Sendung: Radio SRF2, Kultur kompakt, 16.3.2016, 17:06 Uhr

1 Kommentar

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  • Kommentar von Eliane Schneider, Zürich
    Wenn man überhaupt Medien wie Fotografie/Malerei/Plastik gegeneinander ausspielen will, ist diese wie hier als neue Lust an echten Bildern diskutierte Intention für mich viel eher eine Retrobewegung, eine Flucht vor der Auseinandersetzung auf der 2D-Ebene. Geradezu ärgerlich finde ich die Dämonisierung der digitalen Medien in Hinblick auf Kriterien wie Zuverlässigkeit, Authenzität etc. Auf die techn. Manipulation bezogen ist beim geschriebenen Wort (ist auch virtuell!) viel mehr Lüge möglich.
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