Ein Dorf aus 800 Kunstexperten

Die Ausstellung «Art en plein air» verwandelt den stillen Ort Môtiers alle vier Jahre in eine wilde Kunst-Location. Bekannte und weniger bekannte Kunstschaffende richten sich ein mit ihrer Kunst in Grotten, Ställen und Garagen – ein imponierendes Spiel zwischen Kunst und Natur.

Am Ufer des Flüsschens Bied steht ein eigenartiger Wegweiser. Er sieht genauso aus wie Wanderwegweiser hierzulande: klein, gelb, an einer Seite zu einem Richtungsweiser zugespitzt. Nur zeigt dieser Pfeil nicht aufs offene Feld oder den bewaldeten Hang hinauf, sondern zum Zentrum der Erde: 6371,75 Kilometer sind es bis dahin, lässt das von der Genfer Künstlerin Marie Velardie aufgestellte Schild wissen. Wer unbedingt will, kann sich einen Spaten besorgen und versuchen, diesem ungewöhnlichen Wegweiser zu folgen.

Traditionell wild

Leichter und zudem überaus abwechslungsreich und anregend ist es, auf Grabungen zu verzichten und dem Parcours zu folgen, den die Ausstellung «Art en plein air» in Môtiers vorschlägt.

Es ist ein Kunstspaziergang, der es in sich hat. «Art en plein air», vor 30 Jahren vom damaligen Gemeinderat Pierre-André Delachaux initiiert, ist eine der ältesten und immer noch eine der «wildesten» Freiluftausstellungen in der Schweiz. Die Kunst steht hier nicht andächtig auf gepflegten Rasenflächen.

Der Weg führt 4,5 Kilometer durch eine vielfältige Szenerie: durch den schmucken Ort mit seinen historischen Gebäuden, über weite Wiesen, am Rande eines murmelnden Bächleins entlang und durch einen Wald mit einer geheimnisvollen Grotte.

Ein riesiges, bemoostes Kalaidoskop im Wald.

Bildlegende: Psychedelische Muster: Alexandre Joly mit seinem riesigen Kaleidoskop: «My Love Mother Nature.» Alain Germond/Neuchâtel

Bekannte und unbekannte Künstler

Die Kunstschaffenden – 62 sind es in diesem Jahr – werden von der Eidgenössischen Kunstkommission ausgewählt. Bekannte Künstler wie John Armleder, Olivier Mosset und Daniel Spoerri sind ebenso dabei wie junge Kunstschaffende.

Allen gemeinsam ist: sie lassen sich von der Landschaft, vom Ort und seiner Geschichte inspirieren und entwickeln Arbeiten speziell für Môtiers. Alexandre Joly installiert im Wald ein riesiges Kaleidoskop, das Laub und Licht in psychedelische Muster verwandelt.

Kokosnüsse auf Pfoten

Denis Savary quartiert in einem Stall zwei Objekte ein, die wie riesige Kokosnüsse auf Pfoten aussehen. Guido Nussbaum inszeniert eine Hommage an die Grüne Fee, indem er die Blumenschalen an den Dorfbrunnen, in den sonst roter Geranien blühen, mit zarten Absinthpflänzchen bestückt (kleiner Tipp: Die Blätter vorsichtig zwischen den Fingern reiben, das setzt den betörenden Duft frei!).

Das Künstlerduo Relax erinnert mit Wandmalereien an Häretiker aus Môtiers – zu ihnen zählt auch die Ururgrossmutter von Pierre-André Delachaux, die in Neuenburg als Hexe hingerichtet wurde.

Runde Kugel hängt in einem Stall.

Bildlegende: Die Nuss im Stall: Denis Savary mit «Maldoror» Alain Germond/Neuchâtel

Leben ins ruhige Tal bringen

Pierre-André Delachaux gründete das alle vier Jahre stattfindende Kunst-Ereignis 1985, um ein bisschen Leben in das stille Val de Travers zu bringen. Die wirtschaftliche Lage in Môtiers und den umliegenden Orten war schlecht. Reisende verirrten sich kaum je in das reizvolle Gebiet nahe der französischen Grenze.

Kunstfreund Delachaux hoffte, mit einem grossen sommerlichen Kunst-Ereignis Leute in die Region zu holen. Sein Plan ging auf. Freilichtausstellungen waren damals noch etwas Exotisches. Die Zusammenarbeit mit der Eidgenössischen Kunstkommission brachte namhafte Künstler in kleinen Ort. Und das lockte auch Kunstfreunde aus der ganzen Schweiz und bald auch aus dem angrenzenden Europa.

Ein Dorf voller Kunstexperten

In Môtiers selbst freilich begegnete man dem künstlerischen Treiben zunächst mit Skepsis. Doch dann ergaben sich erste Kontakte zwischen Anwohnern und Kunstschaffenden. Man diskutierte miteinander. Man half einander. Man freundete sich an. Heute betrachten sich fast alle der rund 800 Einwohner als Kunstfreunde und Kunstexperten. Eine Rarität im Schweizer Landleben.

Einige der Bewohner von Môtiers verwandeln sich anlässlich der Freilichtausstellung auch selbst in Kunstschaffende. Jedes Jahr tauchen beim Kunstspaziergang Arbeiten auf, die in Katalog und Faltblatt nicht verzeichnet sind, die aber oft eine liebenswürdige Bereicherung der Schau bedeuten.

Jedes Jahr auch verbleiben einige der Arbeiten aus der Ausstellung im Ort. Und mancher Kunstschaffende setzt sich gern mit diesen Zeugnissen seiner Kollegen und Vorgänger auseinander. Das Duo Plonk und Replonk zum Beispiel überzieht eine bunkerartige Installation, die Luc Mattenberg 2011 errichtet hat, mit einem Sternenmuster. Olivier Mosset hingegen nimmt mit seiner aktuellen Arbeit Bezug auf ein Objekt, das er 1989 in Môtiers installiert hat.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 1.7.2015, 7:15 Uhr

Ausstellungs-Hinweis

«Art en plein air», Môtiers, bis 20. September 2015.