Für einen Augenblick ins Leben der Anderen eintauchen

Wer möchte ich eigentlich sein? Diese Frage ist für die tschechische Fotografin Dita Pepe zu einer Obsession geworden. In einer Serie von Selbstporträts stellt sie sich an die Seite von Frauen und Männern – und lebt dadurch für einen Augenblick deren Leben.

«Ich kann eine Freundin sein, eine Mutter oder eine Schwester, das ist reizvoll und inspirierend für mein eigenes Leben», sagt Dita Pepe bei unserem Treffen in der Nähe von Ostrava, im Osten von Tschechien. Auf ihren Fotos schlüpft sie in immer neue Rollen, passt sich ihrem Gegenüber an.

Ein Mann und eine Frau sitzen mit vier Kindern auf einem Bett, das jüngste wird von der Frau gestillt.

Bildlegende: Eine Familie überlagert die andere (aus: «Selbstporträts mit Männern»). Dita Pepe

Grenzen überschreiten

Oft mit auf dem Bild sind Dita Pepes Kinder. Auf einem Foto sitzt sie neben einem Mann und dessen Kinder auf dem Bett und stillt ihr eigenes Baby. Eine Familie überlagert so die andere.

Kennt sie in ihrer Arbeit überhaupt keine Grenzen? «Doch, die gibt es schon. Mir ist es sehr wichtig, dass die Leute mich mögen. Ich will sie nicht enttäuschen, meinen Mann nicht, meine Kinder nicht und auch nicht meine Mutter», sagt sie und fügt an: «aber ich bin schon sehr daran interessiert, Grenzen zu überschreiten».

Auf einem der ersten Kindheitsfotos, an das sich Pepe erinnert, trägt sie die Perücke ihrer Oma und einen Hut. «Ich habe mich damit gefühlt wie eine Schauspielerin, nicht wie das Kind Dita» – so erklärt sie die Leidenschaft für andere Rollen. Aber da ist natürlich noch mehr. Eine Eigenschaft, die sie besonders auszeichne, sei ihre ausgeprägte Empathie, sie könne mit den Menschen mitfühlen – so weit, dass sie sich in der Anwesenheit eines Gegenübers oft selbst vergesse.

Eine junge Frau mit blondem, langem Haar spricht in die Kamera.

Bildlegende: Fotografin Dita Pepe. SRF

Suche nach Identität und Vorbildern

Mit 19 verliess Dita Pepe Tschechien und ging nach Deutschland. Früh heiratete sie ihren ersten Mann, den Italiener Francesco Pepe. Noch heute trägt sie seinen Nachnamen.

Ihr dominanter Vater habe ihre Entwicklung zur Frau geprägt. Dita Pepe erinnert sich an diese Zeit: «Ich habe Frauen als Vorbilder gesucht, die dem Mann entgegenhalten und trotzdem mit ihm harmonieren.» Damals traf sie viele Frauen: starke oder solche, die sich gar nicht stark fühlten; Frauen, die allein wohnten und solche, denen materielle Dinge wichtig waren. «Von jeder Frau hab ich mir etwas ausgesucht, was mir wichtig war für mein Leben.»

Kein Fremdkörper

Festgehalten hat sie dies in vielen Selbstporträts, anfangs an der Seite von Frauen, später auch neben Männern. Verblüffend, wie sie für diese Momentaufnahmen Teil der Lebensrealität anderer Menschen wird – indem sie sich ähnlich kleidet, dieselbe Haltung oder Mimik annimmt.

Letztlich geht es Dita Pepe in ihrer Arbeit darum, die Balance zwischen den verschiedenen Rollen in ihrem Leben zu finden. «Für mich ist meine Arbeit eine Art Therapie, weil ich so erkenne, was für mich wichtig ist oder was ich noch alles machen könnte. Meine Arbeit inspiriert mich, mein Leben besser zu leben.»

Die letzten drei Jahre arbeitete Dita Pepe an einem neuen Projekt, das den Namen «Intimita» trägt. Darin erzählt sie sechs Geschichten von Frauen, die alle Schwieriges durchmachten. In deren Biografien verwoben finden sich Dita Pepes Selbstporträts. Eine weitere faszinierende Arbeit – einfach nur abbilden ist Dita Pepe nicht genug.

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