Heile Welt made in Taiwan

Hohe Berge, dichte Wälder und rauschende Bäche: Das Alpine Museum in Bern zeigt Motive aus der schönen Welt. Eigentlich nichts besonderes, wenn diese nicht auf taiwanesischen Stromkästen prangen würden. Ist das Stadtverschönerung oder Kunst?

Neben einer stark befahrenen Strasse im nordtaiwanischen Hsinchu packt Yang Feng-rong seine Farbdosen und Pinsel aus. Maximal eine Stunde habe er Zeit die drei Kästen zu bemalen, sagt Yang Feng-rong. Es ist zwölf Uhr, die Sonne brennt, im Schatten sind es 30 Grad. «Ja, die Arbeit ist hart, wir können aber nur malen, wenn das Wetter gut ist», sagt Yang. So gesehen habe er keine grosse Wahl.

Im Auftrag des staatlichen Stromkonzerns

Ein taiwanesischer Maler bei der Arbeit an einem Stromkasten.

Bildlegende: Der Maler Yang Feng-rong bei der Arbeit an einem Stromkasten. ZVG

Früher hat er Filmplakate gemalt, heute sind es Bäume, Blätter und bunte Vögel. Ein Arbeitskollege hat bereits die hellblaue Grundfarbe und das Logo des Unternehmens aufgespritzt. Malermeister Yang lebt inzwischen hauptsächlich von den Aufträgen des staatlichen Stromkonzerns.

Filmplakatmaler war einst ein weitverbreiteter Beruf in Taiwan, sagt Long Fu-zhu, Inhaber des Malergeschäfts, für das auch Yang arbeitet. «Früher wurden Plakate für die Kinos alle noch von Hand gemalt», sagt Long, «doch seit Laserdrucker die Arbeit übernommen haben, gibt es für Plakatmaler keine Arbeit mehr». Viele dieser Maler haben bei Long eine neue Beschäftigung gefunden. Seit zehn Jahren bemalt sein Unternehmen Elektroschaltkästen.

Malereien, keine Kunst

In Taiwan kommen die bemalten Stromkästen nicht bei allen gleich gut an. Assistenzprofessorin June Chi-Jung Chu hat sich zusammen mit ihren Studenten mit den Kästen auseinandergesetzt. Sie unterrichtet in der Abteilung für Museumsstudien an der Fu Jen Universität bei Taipeh. «Viele Passanten beachten die Kästen gar nicht», sagt Chu, und wenn doch, dann fänden sie sie nicht besonders schön. Streng genommen würde auch sie selbst die Malereien nicht als Kunst bezeichnen.

Insbesondere der immer gleiche hellblaue Himmel werde von Kunstverständigen kritisiert, so Chu weiter. Dennoch handle es sich um eine taiwanische Besonderheit, deshalb habe sie zusammen mit dem Alpinen Museum die Ausstellung «City Mountains» in Bern organisiert. Zur Eröffnung ist neben ihr auch ein Malermeister aus Taiwan in die Schweiz gereist, der in Bern gleich mehrere Trafokästen bemalt hat.

Vom Vorwurf des fehlenden Kunstverständnisses will Malerchef Long Fu-zhu nichts wissen: «Das Strassenbild sieht so doch schon viel schöner aus», sagt er und zeigt auf zwei Kästen die nicht bemalt sind. «Ansonsten sind sie einfach eintönig dunkelgrün, ziemlich hässlich».