Kunst mit Ungeziefer Hier stiehlt die Kunst der Natur die Show

Maximilian Prüfer bildet natürliche Prozesse künstlerisch ab. Seine Sujets reichen von Regentropfen über Motten bis hin zu Schnecken.

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Gemustert - Naturerkenntnis als Kunst

3:53 min, aus Kulturplatz vom 1.3.2017

Insekten werden oft als Quälgeister empfunden. Der deutsche Künstler Maximilian Prüfer denkt anders. Insekten sind für ihn nicht nur Gehilfen, sie sind die Urheber seiner Kunst. Mit einem selbst entwickelten Beschichtungsverfahren namens «Naturantypie» ist es Prüfer gelungen, feinste Bewegungen wie Flügelschläge von Motten sichtbar zu machen.

Dieses Ebenbild von natürlichen Prozessen erscheint im ersten Augenblick so abstrakt, dass wir ohne eine Hilfestellung den Urheber des Bildes nicht ausfindig machen können. Diese Desorientierung ist gewollt. «Ich freue mich, wenn ich dem Betrachter die Möglichkeit gebe, etwas zu sehen, was er vorher nicht gesehen hat», entgegnet Prüfer.

Der optimale Regen für das richtige Bild

Der 30-jährige Augsburger sieht sich als Teil der Natur und möchte diese verstehen. Sein Atelier befindet sich darum oft in der Natur. Ein optimales Ergebnis kann Prüfer nur erzielen, wenn er seine Protagonisten genauestens studiert. Meistens führt das zu Experimenten und präzisen Konzeptionen.

Ein Künstler beugt sich über eine lange Fläche, auf der er mit einer Pinzette eine Schnecke platziert.

Bildlegende: Maximilian Prüfer ist Mentor. Die Schnecken der Urheber. Maximilian Prüfer

Bei den Regenbildern hat der Künstler gezielt einen optimalen Regen ausfindig gemacht. Der Aspekt der naturalistischen Abbildung ist aber nicht sein Hauptziel. Für Prüfer schwingen auch philosophische Aspekte mit.

Sichtbare Evolutionsprozesse

Das Prinzip des geringsten Widerstandes hat der junge Künstler mit einem Schneckenexperiment veranschaulicht. Dabei hat er Schnecken in einem Raster angeordnet und die Platte geneigt, auf der die Schnecken platziert waren. Obwohl sie trotz der Neigung frei ihren Weg aussuchen konnten, haben alle Schnecken den Weg des geringsten Widerstandes gewählt.

Ein bekanntes Phänomen, das man auch vom Menschen kennt: maximales Ergebnis mit minimalem Aufwand. «In der Arbeit geht es auch darum, in welche soziale Prägung wir hineingeboren werden. Wie viel es ausmacht, in eine vormanipulierte Welt hineingeboren zu werden. Wir sind gezwungen, bestimmte Richtungen zu wählen», so der Künstler.

Wie viel Leben steckt im Tod?

Neben der Verdeutlichung von Urinstinkten stellt er auch existentielle Fragen: Wie viel Leben steckt in einer toten Krähe? Dazu hat Prüfer eine leblose Krähe auf sein fein beschichtetes Blatt platziert. Der Verwesungsprozess des Vogels hat Larven und Fliegen angelockt, die Spuren um den Kadaver verursachten. Diesen Verlauf zeigt der Künstler in drei verschiedenen Bildern.

Wer hätte gedacht, dass Schnecken oder tote Krähen solch eindrückliche, abstrakte Bilder entstehen lassen können? Maximilian Prüfer führt Prozesse vor Augen, die man sonst nicht wahrnehmen würde. Sein Ziel ist es, dass der Betrachter «für einen kurzen Moment fasziniert ist und auch sich selbst hinterfragt.»

Vermeintliche Quälgeister und Schädlinge können also den Horizont über die Auffassung der Natur erweitern. Prüfer macht nur sichtbar, was schon längst da ist.

Sendung: SRF 1, Kulturplatz, 1. März 2017, 22:25 Uhr

Buchhinweis

Maximilian Prüfer: «Brut». Hatje Cantz, 2017.

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