León Ferraris Kunst ist eine Ohrfeige

Kritik an Christentum und westlicher Zivilisation – die Kunst des Argentiniers León Ferrari provoziert. Kardinal Bergoglio, heute Papst, bezeichnete sie gar als «Blasphemie». Nun stellt der 92-jährige Ferrari trotzdem wieder in Buenos Aires aus.

Foto eines Objekts: Der gekreuzigte Christus auf einem amerikanischen Kampf-Jet.

Bildlegende: Ferraris «Die westliche und christliche Zivilisation»: Ein lebensgrosser Jesus an einen US-Kampfjet gekreuzigt. Reuters

Heiligenfiguren durch den Fleischwolf gedreht, Rosenkränze, die sich um Präservative schlingen, ein Plastik-Jesus im Spielzeugpanzer, die heiligen Symbole des Christentums beschmutzt mit ganz profanem Taubendreck. Die Kunst des Argentiniers León Ferrari ist das Gegenteil von subtil: Sie provoziert, polemisiert und denunziert die Widersprüche einer autoritären Kirche, in deren Namen die westliche Zivilisation Kriege führt, Gewalt, Intoleranz und Diskriminierung rechtfertigt.

Mit seinen Collagen, Zeichnungen und Skulpturen rüttelt der Sohn eines Kirchenbauers an gesellschaftlichen Tabus – umso mehr im katholisch geprägten Argentinien, wo in jeder Schule, jedem Krankenhaus, selbst im Obersten Gerichtshof ein Kruzifix an der Wand hängt.

Ultrakatholiken zerstörten Kunstwerke

Als Ferraris Lebenswerk 2004 in einem Kulturzentrum von Buenos Aires ausgestellt werden sollte, kam es zum Eklat. In einem öffentlichen Messe-Brief bezichtigte Kardinal Jorge Bergoglio, der inzwischen als Papst Franziskus im Vatikan residiert, Ferrari der «Blasphemie». Es sei «eine Schande», dass eine solche Ausstellung mit öffentlichen Geldern finanziert würde.

Mitglieder der ultrakatholischen Gruppierung «Cristo Sacerdote» tauchten daraufhin auf der Eröffnungsfeier auf, beschimpften den Künstler und zerstörten Kunstwerke. Nach knapp zwei Wochen wurde die Ausstellung geschlossen. «Der Angriff auf die Ausstellung hat meine Arbeit im Grunde vervollständigt», sagte der Künstler später.

Tate Modern und MOMA streiten um sein Werk

Portrait des Künstler Léon Ferrari, der durch eine seiner Skulpturen hindurchlukt.

Bildlegende: Portrait des Künstler auf der Biennale 2006 in Sao Paulo. Reuters

Darüber hinaus verstärkte der Skandal das internationale Interesse an seiner Arbeit. 2007 gewann Ferrari den Goldenen Löwen der Biennale von Venedig für sein Hauptwerk «Die westliche und christliche Zivilisation» – eine lebensgrosse Jesusfigur, gekreuzigt auf der Replik eines US-Kampfjets. Ferrari hatte es während des Vietnamkrieges gefertigt. Tate Modern und MOMA streiten sich um das Kunstwerk, doch Ferrari verkauft nicht.

«Die exklusive Welt der zeitgenössischen Kunst hat er immer abgelehnt, lieber verleiht er seine Werke an kleine Galerien in der Provinz oder Museen im Ausland, deren Konzept ihn überzeugt. Er will die Menschen erreichen», sagt Andrés Duprat, langjähriger Freund Ferraris und Kurator mehrerer Ausstellungen von Ferrari.

Sohn unter Militärdiktatur verschwunden

Bis zum 26. Mai sind nun rund 500 Arbeiten Ferraris im Centro Cultural de la Memoria Haroldo Conti zu sehen, im ehemaligen Folterzentrum der Marineschule ESMA. Ferraris eigener Sohn Ariel gehört zu den schätzungsweise 30‘000 Verschwundenen der argentinischen Militärdiktatur, die sich damals auf Ordnung und die Werte der christlichen Moral stützte.

«Hier sind Werke zu sehen, die religiöse Gefühle verletzen können», ist als Warnung an den Eingang der Werkschau gepinnt. Bisher sind Proteste gegen die neue Ausstellung jedoch ausgeblieben. Auch Bergoglio hat sich nicht zu Wort gemeldet. «Leider», zwinkert Duprat, «es wäre eine gute Werbung für die Ausstellung gewesen.»

Der Kurator glaubt, dass die argentinische Gesellschaft in den letzten zehn Jahren toleranter geworden ist. Vielleicht haben die katholischen Randalierer aber auch ihre Lehren aus den Vorfällen von 2004 gezogen. Für die zerstörten Kunstwerke mussten sie eine Geldstrafe an den Künstler zahlen. Ferrari spendete das Geld an eine Organisation, die für die Rechte Homosexueller eintritt.