Münchner Kunstfund: Ruf nach Transparenz wird lauter

Kritische Stimmen und die Forderung nach Transparenz rund um den Münchner Kunstfund nehmen zu. Experten und Museen verlangen von den Behörden, die Werkliste offenzulegen. Nur so könnten Ansprüche von Erben auf NS-Raubkunst seriös geprüft werden.

Eines der Werke aus dem Fund von Otto Dix: Farblithographie mit dem Motiv einer älteren Dame.

Bildlegende: Eines der Werke aus dem Fund von Otto Dix: Farblithographie mit dem Motiv einer älteren Dame. Herkunft nicht eindeutig. Reuters

Der Fund ist gross und spektakulär. Soweit sind sich Medien, Kunstwelt und Rechtsexperten einig. Seit Dienstag kennen wir ein Dutzend der 1400 unverhofft aufgetauchten Werke – darunter bisher unbekannte oder verschollen geglaubte von Dix, Chagall oder Matisse. Der Rest ist vor allem ein grosses Geheimnis, die aufwendige und schwierige Recherche über die Biographie der gefundenen Bilder findet unter Stillschweigen statt. Die Staatsanwaltschaft begründet die Diskretion damit, dass Offenheit die Ermittlung, ja gar die Kunstwerke gefährden würde. Das sorgt für Empörung und der Ruf nach schneller Transparenz nimmt zu.

Der Kunstschatz war nicht nur jahrzehntelang unbekannt, er wurde von den Behörden eineinhalb Jahre verschwiegen, nachdem er Ende Februar 2012 geborgen wurde. Wann hätte die Öffentlichkeit vom Kunstfund erfahren, hätte ihn der «Focus» nicht publik gemacht?

Die ganze Welt blickt auf Deutschland

Das Zentralregister für Raub- und Beutekunst der Jahre 1933-1945 in London etwa kritisiert den Umgang der Behörden mit dem Kunstfund scharf. «Wir wollen so schnell wie möglich eine Liste der Werke in der Sammlung veröffentlicht sehen», sagte Anne Webber von der Commission for Looted Art in Europe. Zudem müsse ein Verfahren eingerichtet werden, das es «rechtmässigen Besitzern der Werke» ermögliche, sie schnell zurückzubekommen. Das Register werde mit Anfragen nach Informationen überflutet. «Die ganze Welt blickt auf Deutschland», so Webber.

Selbstporträt von Otto Dix mit Zigarre.

Bildlegende: Selbstporträt von Otto Dix – stammt es wirklich aus dem Jahr 1919? Oder ist es noch älter? Reuters

Offene Fragen gibt es noch zuhauf: Wer hat Anrecht auf die Bilder? Was wurde von den Nazis als «entartet» konfisziert, wie viel davon ist Raubkunst? Letztere sind von besonderem Interesse, da sie jüdischen Sammlern geraubt oder verfolgungsbedingt zu tiefen Preisen abgekauft wurden. Der Verdacht besteht für einige Hundert dieser Werke, diese könnten von den Erben zurückgefordert werden.

«Transparenz ist das Vordringlichste!»

Auch der Zürcher Anwalt und Kunstrechtsexperte Andreas Ritter erwartet, dass das Konvolut in einer Datenbank offengelegt wird. Überrascht hat ihn weniger der Kunstfund als das Vorgehen der deutschen Behörden. «Es besteht ein eminentes öffentliches Interesse an den Werken und natürlich ein Interesse der Erben jüdischer Sammler, denen die Werke gestohlen wurden», sagte Ritter gegenüber SRF. Um Anspruchsgrundlagen seriös zu prüfen, sei jetzt Transparenz das Vordringlichste. «Es kann nicht sein, dass die Behörden nur eine Fachverständige einsetzen und diese im stillen Kämmerlein ermittelt. Es braucht den Austausch von Experten, es braucht die internationale Zusammenarbeit und es braucht die Verknüpfung der Rechercheergebnisse.»

Bei Raubkunst ist nach der sogenannten Washingtoner Erklärung von 1998 eine «gerechte und faire Lösung» mit den Erben zu erzielen, Moral und Ethik sind genauso zu beachten wie das geltende Recht. Museen und Sammlungen haben sich dazu verpflichtet, private Kunstbesitzer und Stiftungen sind an die Erklärung jedoch nicht gebunden.

Gurlitt der rechtmässige Besitzer

Gouachezeichnung des Franzosen Marc Chagall.

Bildlegende: Ein bisher unbekanntes Werk des Franzosen Marc Chagall: Gouache einer allegorischen Szene. Reuters

Geht es nach dem Berliner Provenienzforscher und Kunsthistoriker Uwe Hartmann, gehört der Kunstfund zum grossen Teil rechtmässig dem 79-jährigen Kunsthändlersohn Cornelius Gurlitt. «In vielen Fällen handelt es sich nicht um NS-Raubkunst. Es muss davon ausgegangen werden, dass Herr Gurlitt rechtmässig über diesen Besitz verfügt.» Hartmann beschäftigt sich seit Jahren mit dem Verbleib von Kunstwerken der Nazizeit und unterstützt öffentliche Einrichtungen bei der Suche und Identifikation von NS-Raubgut.

Cornelius‘ Vater Hildebrand Gurlitt war einer der vier Kunsthändler, die von den Nazis mit dem Verkauf von «entarteter Kunst» beauftragt war. «Wahrscheinlich hat Hildebrand Gurlitt viele Arbeiten selbst gekauft, nach der damaligen Rechtslage war er der rechtmässige Erwerber. An diesem rechtlichen Status quo ist nie etwas verändert worden.»

Auch Hartmann appelliert an die Behörden, einen Katalog aller Werke öffentlich zu machen – vergleichbar mit der Lost-Art-Datenbank im Internet. «Nur wenn so viele Menschen wie möglich von den wiederentdeckten Kunstwerken wissen, können wir wirklich Klarheit über ihre Herkunft bekommen», sagte Hartmann.

«Die Aufregung ist aufgeblasen»

Ein Gemälde des Franzosen Henri Matisse: «Sitzende Frau».

Bildlegende: Ein Gemälde des Franzosen Henri Matisse:«Sitzende Frau». Nicht im Werkverzeichnis enthalten. Reuters

Alfred Weidinger, österreichischer Experte für klassische Moderne, zeigt sich ebenfalls nicht überrascht über den Kunstfund. «Im Grunde genommen hat jeder wichtige Kunsthändler im süddeutschen Raum gewusst, dass es das gibt.» Die Aufregung darüber sei «aufgeblasen», sagte der Vizedirektor des Wiener Belvedere. «Jetzt von einer grossen Entdeckung zu sprechen, ist geradezu lächerlich. Wenn ein Restitutionsforscher ordentlich arbeitet, ist es kein Geheimnis, den Spuren der Familie Gurlitt nachzugehen - in keiner Art und Weise.»

Genauere Nachforschungen hätten die zuständigen Experten schon viel früher zu der Sammlung führen müssen: «Wenn man im Jahr 2013 darauf kommt, dass es in München die Sammlung Gurlitt gibt, dann haben die ihren Job nicht richtig gemacht.» Zur Geheimhaltung der Behörden meint er: «Ich glaube, da wollen sich Leute wichtig machen.»

Auch mehrere deutsche Museen fordern eine Offenlegung des Bestands, in der Hoffnung, dass sich darunter auch Werke ihres einstigen Bestands befinden könnten. So etwa das Wuppertaler Von der Heydt-Museum, das Essener Museum Folkwang, die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden oder die Kunsthalle Mannheim.

Sendung zu diesem Artikel