«Nichts ist Zufall in Per Kirkebys Bildern»

New York, Berlin, Shanghai: Der Däne Per Kirkeby hat weltweit sein Werk gezeigt. Erstmals findet nun im italienischsprachigen Kulturraum eine Retrospektive statt. Das Kunstmuseum Mendrisio stellt das Werk eines Künstlers aus, der Wissenschaft und Kunst vereint. Und die Natur nie aus den Augen lässt.

Per Kirkeby ist 78 Jahre alt. Er hat Expeditionen nach Grönland, Asien und Amerika unternommen. Jetzt sitzt er im Rollstuhl.

Er sagt, er sei zufrieden, dass sein Werk den Weg nach Mendrisio, das südlich der Alpen liegt, gefunden habe, und dass die Ausstellung gut geglückt sei. Die italienische Kunst habe ihn früh beeinflusst, meint er freundlich. Er ist müde. Interviews gibt er nicht.

Per Kirkeby lehnt an eine Bronzestatue.

Bildlegende: In Anlehnung an die Geologie: Per Kirkeby an einer Ausstellung 1987 in Tours. Kunstmuseum Mendrisio

Kämpfer trotz Krankheit

«Die Begegnungen mit Kirkeby werde ich nie vergessen», sagt Simone Soldini, der Direktor des Kunstmuseums Mendrisio. Als Mensch voller Intensität, voller Tatendrang beschreibt er Kirkeby – und das trotz Krankheit.

Kirkeby habe ihn als Kämpfer mit einem grossen Willen sich mitzuteilen bereichert und bewegt.

Mit Erstaunen stellte jedoch Soldini fest, dass in Italien noch keine grosse Ausstellung dieses grossen Meisters aus dem Norden gezeigt worden war. Das war die Chance für Mendrisio. Der Künstler selbst, sein Galerist und sein Biograf haben die Ausstellung in Mendrisio nun möglich gemacht.

Wissenschaftler und Künstler

Die Ausstellung zieht Bilanz über 30 Jahre Schaffen Kirkebys – von 1982 bis 2012. Sie umfasst 40 grosse Bilder, fünf Skulpturen und zahlreiche Aquarelle.

Werden da Naturphänomene gezeigt, sind es Abstraktionen? Rätselhafte Schichten überlagern sich. Es könnten Spuren, Abdrücke, Sedimente, stürzende Wasser, Strukturen in Auflösung sein. Das seien die Kräfte hinter den Formen, so Kirkeby.

Dissertation über die Arktis

1938 in Dänemark geboren, studierte er zunächst Geologie. Er dissertierte über die Arktis. Als Feldgeologe zeichnete er arktisches Gletschereis und grönländische Felsformationen.

Das geologische Zeichnen zeigt die Oberfläche ebenso wie unterirdische Strukturen. Es ist abstrakt und zugleich genau bis ins Detail.

Die Geologie prägte Kirkebys Vorstellung von Natur und Landschaft, sagt Kuratorin Barbara Palentghi Malacrida. «Eine ständige Verwandlung ist im Gang, immer ist Übergang. So ist nichts Zufall in Kirkebys Bildern. Hinter dem vordergründigen Chaos sieht der Wissenschaftler Kirkeby Ordnung und Struktur.»

Kirkeby steht neben einer Bronzeskulptur.

Bildlegende: Nicht ohne Bronze: Kirkeby 2002 beim Berliner Bundesrat. Kunstmuseum Mendrisio

Brücke zwischen Nord und Süd

Die Ausstellungsmacher in Mendrisio hoffen, dass auch das Publikum südlich der Alpen in Kirkebys Bilderwelt und in sein Licht aus dem Norden eintaucht. Es soll diesen Intellektuellen kennenlernen, der zugleich Wissenschaftler, bildender Künstler, Schriftsteller und Kunsttheoretiker ist. Heutzutage sei er fast eine anachronistische Figur, sagt Paltenghi Malacrida.

Kulturveranstalter im Tessin betonen gerne, dass sie eine Brücke zwischen Nord und Süd bauen wollen. Mitunter bleibt das Rhetorik. Das Kunstmuseum in Mendrisio aber hat mit Kirkeby eine solche Brücke gebaut.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur aktuell, 04.10.2016, 16:50 Uhr.

Ausstellungshinweis

Die Retrospektive zu Kirkeby findet bis zum 29. Januar 2017 im Kunstmuseum in Mendrisio statt.