Opus «Magnum»: Revolutionsgeschichte in Bildern

Mit dem Arabischen Frühling kehrten vor zwei Jahren die Revolutionen als gesellschaftsverändernde Kraft zurück. Ein opulenter Fotoband aus dem «Magnum»-Archiv spiegelt nun die letzten 65 Jahre Revolutionsgeschichte. Und deutet auf das Ende einer Ära hin.

Zahlreiche Jugendliche geben mit Plakaten und erhobenen Fäusten ihrem Unmut Luft, quer vor ihnen her tragen sie ein meterlanges rotes Stofftuch mit der Aufschrift FSLN.

Bildlegende: Nicaragua, 1981: ein Trauerzug für ermordete Studentenführer. Susan Meiselas / Magnum Photos

Die Worte «Magnum» und «Revolution» prangen in kapitalen Lettern auf dem Umschlag dieses Fotobandes, und im Untertitel «65 Jahre Freiheitskampf». In der Tat: Wer sollte besser imstande sein, die Revolutionen der letzten Jahrzehnte in Fotodokumenten zu spiegeln, als «Magnum». Das war weltweit die erste kooperativ geleitete Agentur freischaffender Fotografen, gegründet 1947.

Ikonen der Fotogeschichte

Iranische Frauen im Tschador demonstrieren mit erhobenen Fäusten.

Bildlegende: Teheran, 1979: Frauen demonstrieren vor der US-Botschaft. Abbas / Magnum Photos

«Magnum»-Mitglieder waren bei allen historischen Umbrüchen mit vor Ort. Sie waren die Chronisten der Zeitgeschichte. Durch Burt Glinns Fotografien werden wir Zeugen jenes Moments, in dem Fidel Castros Rebellen am Neujahrstag 1959 Havanna einnehmen. In Abbas Bildern von 1979 können wir die Entfaltung der iranischen Revolution nachverfolgen und wohnen gleichzeitig der Geburt eines neuen Revolutionärs bei: Des radikalen Islamisten.

Ikonen der Fotogeschichte begegnen einem in diesem Band immer wieder. So etwa der Tank Man, ein einzelner Mann mit Einkaufstaschen in den Händen. Er stellt sich einer Panzerkolonne auf dem Platz des Himmlischen Friedens in den Weg, aufgenommen von Stuart Franklin. Oder der Prager Freiheitskämpfer, der fahnenschwingend auf einem russischen Panzer steht, fotografiert 1968 von Josef Koudelka.

Bildvokabular weicht Handybildern

Mann gegen Panzer, der Einzelne gegen die Macht, das Volk gegen die Unterdrücker: Das ist das wiederkehrende Bildvokabular der Revolution. Sie ist der oft lebensgefährliche öffentliche Protest einer mutigen Minderheit aus der Bevölkerung gegen ihre Herrscher. «Magnum» arbeitet dieses Bildvokabular in einem opulenten Text- und Fotoband heraus, beginnend mit dem Arabischen Frühling des vorletzten Jahres, zurück bis in die Anfänge des Kalten Krieges. Und doch hinterlässt dieser Band auch ein schales Gefühl von Unpässlichkeit.

Das Ende einer Ära

Frühere Revolutionen haben sich in wenigen ikonischen Fotografien ins Gedächtnis gebrannt. Josef Koudelkas Aufnahmen aus dem besetzen Prag 1968 waren zum Beispiel schlicht die einzigen des Ereignisses. Anders heute: Die letzten Momente im Leben Gaddafis nahe der Stadt Sirte hielten mehrere Handykameras fest. Die Revolutionäre selber machten die Bilder, das Geschehen wurde in der ganzen Welt verbreitet, beinahe in Echtzeit. Doch ein «Magnum»-Fotograf war nicht vor Ort.

Dieser Band zieht daher auch einen Schlussstrich: unter eine vergangene Ära, als der klassische Fotojournalismus noch die Hoheit über die Art und Verbreitung der Bilder hatte.

Buchhinweis

Jon Lee Anderson und Paul Watson (Hrsg.): «Magnum Revolution: 65 Jahre Freiheitskampf.» Prestel, 2012.