Zerhäkseln, zitieren, remixen: Performer Christian Marclay

Die Grauzonen zwischen Kunst und Musik sind das Feld von Christian Marclay. Der Performer bewegt sich seit 35 Jahren darin. Das Prinzip des US-Amerikaners und Schweizers: Er dreht Versatzstücke der Popkultur durch den Fleischwolf. Ein Streifzug durch sein Werk.

Bühne mit grosser Leinwand - vorne ganz klein vier Musiker.

Bildlegende: Christian Marclay (ganz rechts) probt an der Biennale Bern 2014 das Stück «Everyday». Keystone

Ein Ticken. Zoom auf den Sekundenzeiger, der seine Runde dreht. Szenenwechsel in einen anderen Film: eine Uhr, die 12:05 zeigt. So geht es weiter, 24 Stunden lang.

Für seine Videoinstallation «The Clock» hat Christian Marclay tausende Sequenzen aus Spielfilmen zusammengetragen, in denen Uhrzeiten zu sehen sind. Zu jeder Minute eines 24-Stunden-Tages findet er das passende Versatzstück aus der Filmgeschichte.

Für dieses Epos rund um die Vergänglichkeit der Zeit erhielt Christian Marclay im Jahr 2011 den Goldenen Löwen der Biennale Venedig. Mit der Technik des Samplings arbeitet er aber schon seit über 35 Jahren: «Ich suche mir etwas, das schon existiert – Filme, Musik, Plattencover. Ich zerschneide dieses Material, manipuliere es, krempel es um. Dann setze ich es neu zusammen und rekontextualisiere es. So eigne ich mir das Material neu an.»

Versatzstücke der Musik

Mittlerweile ist das Sampling die rituelle Handlung der Postmoderne geworden. Ein Blick auf die Anfänge: In den 1940ern experimentieren die Anhänger der Musique concrète mit Tonbandgeräten, legen Aufnahmen von Dampflokomotiven und Eisenbahnwagen übereinander. In die Popkultur schafft es das Sampling mit der Erfindung des Hip-Hops: In den 1970ern wiederholen und kombinieren zum ersten Mal DJs in der New Yorker Bronx Ausschnitte von Platten und rappen drüber.

Parallel – und ohne Wissen um die aufkeimende Jugendkultur – experimentiert auch Christian Marclay mit Vinylscheiben. Er zerschneidet sie wie Kuchenstücke und setzt sie neu zusammen oder überklebt sie mit Klebestreifen. Wenn die Nadel über die deformierten Platte fährt, klingt das nach einem rhythmischen Klicken und Hämmern – zwischendrin ploppen Fetzen von Musik auf.

Zwischen den Räumen

Marclay wird 1955 in den USA als Sohn eines Schweizers geboren. Er wächst in einem Vorort von Genf auf und besucht ein Internat. Platten hören und besitzen ist dort tabu.

Sein Weg führt ihn von der visuellen Kunst hin zur Musik und zurück in sein Geburtsland. Als Künstler zwischen den Räumen und Genres bleibt Marclay aber auch der Kunstwelt treu. In seinen Installationen und Objekten tauchen recycelte Platten immer wieder auf: Er durchleuchtet und bemalt sie, collagiert Albumcover oder pflastert den Fussboden mit den schwarzen Scheiben («Footsteps», 1989). Wie in seinen Performances wirkt auch seine Kunst verspielt, unmittelbar und kraftvoll.

Samen setzen für die Musik

Heute, im Zeitalter von YouTube und MP3, verliert die Platte für Marclay an Bedeutung. Er geht mit der Zeit und entdeckt den digitalen Videoschnitt als ideales Werkzeug für seine audiovisuellen Arbeiten. Ein Werk wie «The Clock» wäre ohne diese neue Technik nicht möglich gewesen.

In seinen neusten Arbeiten zieht sich Marclay als Autor immer mehr zurück. Jedes Sample ist von ihm zwar handverlesen und an Ort und Stelle gesetzt, aber die Deutung gibt er an andere weiter. In seinen «Video Scores» beispielsweise improvisiert ein Ensemble über die Filmschnipsel. Denn Christian Marclay sagt: «Ich verstehe mich heute eher als Gärtner. Ich setze die Samen, den Rahmen für die Musik und sehe dann was passiert.»

Christian Marclay in Bern

Bühne

Probe für «Everyday» in Bern. keystone

Marclay tritt an der Biennale Bern auf. Das Festival für zeitgenössische Künste dauert noch bis zum 20. September.

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