Arnold Stadler «Rauschzeit»: Ein Roman wie ein langes Liebesspiel

In «Rauschzeit» sucht ein Ehepaar das Glück und findet Affären. Arnold Stadler hat ein schalkhaftes Buch über Liebe, Sehnsucht und das Verlangen nach Glück geschrieben. Ein Buch, das sich Zeit für philosophische Gedanken nimmt.

Ein Paar umarmt sich im Sonnenuntergang.

Bildlegende: Was ist Glück und was hat das mit der Liebe zu tun? Eine zentrale Frage in Arnold Stadlers Roman «Rauschzeit». FLICKR/Eleazar

Rauschzeit ist ein Begriff aus der Jägersprache. Er bezeichnet die Zeit, in der sich das Schwarzwild – also die Wildschweine – paaren. Die Rauschzeit ist für Mausi und Alain vorbei.

Die beiden sind in der vegetarischen Zeit angekommen. Sehnsucht, Verlangen – das war einmal. Fünfzehn Jahre Ehe haben Spuren hinterlassen. Doch dann passiert es.

Alain trifft an einer Tagung über den Schriftsteller Jean Paul seine erste Liebe Babette wieder. Sie war 20 Jahre zuvor plötzlich aus seinem Leben verschwunden und er hatte sie nie vergessen. Mausi lernt in der Oper «Tosca» von Puccini einen blonden Dänen kennen – und schmachtet.

Vorspiel wie bei der Liebe

Was nun? Die Leser sind gespannt: Kriegt Alain seine Babette und Mausi den blonden Dänen? Es knistert. Alles ist sexuell aufgeladen. Doch die Leser müssen sich gedulden.

Arnold Stadler baut seinen Roman wie ein langes Liebesvorspiel auf. Er taucht in die Lebensgeschichte seiner Protagonisten ein. Die Zeit der ersten Liebe am Meer, die Studenten-WG, die Liebesturbulenzen im Freundeskreis.

Mit Schwenkern und Abstechern

Er zeichnet den Weg, den sie gegangen sind, von der Rauschzeit bis in die vegetarische Zeit. Vom Liebesnest in der Jagdhütte bis zu den zwei Wohnungen mit Verbindungstür. Er portraitiert Mausi und Alain in wechselnden Kapiteln. Immer sehr liebevoll und mit einer grossen Portion Schalk.

Arnold Stadler erzählt diese Geschichte nicht linear. Sein Roman ist nicht Plot-getrieben. Er macht Schwenker und Abstecher in alle Richtungen, in die Philosophie, die Popkultur, die Theologie und in die Literaturgeschichte.

Gedanken brauchen Platz

Er fordert die Leser mit Abschweifungen, Anspielungen und langen kunstvollen Sätzen heraus. Oftmals vergisst man weiterzulesen, weil man über einen Satz zuerst einmal nachdenken muss. Zum Beispiel: «Erinnerung ist ein Rückspiegelschmerz» oder «Mein Leben war eine Vermeidungsstrategie, damit es glückte.»

Arnold Stadler lässt sich definitiv Zeit beim Erzählen. Das ist typisch für ihn. Denn seine Weltbetrachtungen bezieht er mit ein. Dafür braucht er Platz. Auch hier, in «Rauschzeit».

Nur das Leben kann eine Antwort geben

Er braucht Platz, wenn er über seinen Lieblingsdichter Jean Paul und dessen Wortschöpfungen nachdenkt oder sich auslässt über den Glauben, der immer auch den Unglauben mit sich trägt.

Und natürlich ist die zentrale Frage: Was ist Glück und was hat sie mit der Liebe zu tun? Arnold Stadler hat keine abschliessende Antwort darauf. Er meint, nur das Leben könne eine Antwort geben. Nachher wisse man es.

Buchhinweis

Arnold Stadler: «Rauschzeit», S. Fischer, 2016.

Sendung zu diesem Artikel