Auszeichnung für beissende Comic-Satire aus Frankreich

Krisendiplomatie, Politikeregos, Machtkämpfe und Eitelkeiten: Der Autor Abel Lanzac und der Zeichner Christophe Blain legen mit «Quai d'Orsay» eine beissende Satire des Politbetriebs vor. Ihr Werk wurde jetzt am Comic-Festival von Angoulême als bester Comic des Jahres 2012 ausgezeichnet.

Nicht einmal im Urlaub kann es Alexandre Taillard de Vorms lassen: Statt Sand, Meer und Sonne zu geniessen, setzt er am Strand lieber zur wortgewaltigen Analyse der geopolitischen Lage an. Sein Publikum: keine Politiker an einem Krisengipfel, sondern Feriengäste in Badehosen.

Immer den Hofstaat im Schlepptau

Zurück in Paris stürzt sich der Aussenminister wieder in seine Mission: Er will einen Bürgerkrieg in Oubanga verhindern und die USA von einem sogenannten «Präventivschlag» auf das Königreich Lousdem abhalten. Die Situationen sind verfahren, die Zeit wird knapp, die Spannung steigt – unter diesem Druck blüht das politische Alphatier regelrecht auf.

Er eilt von Krisen- an Gipfeltreffen, spricht vor der Nato, spricht vor der Uno, spricht vor den Rebellen in Oubanga, er konferiert bilateral mit dem amerikanischen Aussenminister und den Mitgliedern des Sicherheitsrats der Uno – und er schleppt, wohin er auch rast, einen langen Schweif an Beratern, Redenschreibern und Schmeichlern hinter sich her.

Brillante Karikatur eines Machtpolitikers

Porträt des Comiczeichner Christophe Blain.

Bildlegende: Comiczeichner Christophe Blain. Georges Seguin / wikimedia

Mit Alexandre Taillard de Vorms, in welchem unschwer der französische Aussenminister Dominique de Villepin während der Irak-Krise erkennbar ist, ist dem Autor Abel Lanzac und dem Zeichner Christophe Blain die brillante Karikatur eines Machtpolitikers gelungen: Ein atemloser Egomane, der seine Meinungen immer wieder ändert und wichtige Entscheide aus dem Bauch fällt; leidenschaftlich und lächerlich zugleich, manchmal visionär, manchmal kurzsichtig, immer eitel und sich selber überschätzend.

Auch das Werk eines Insiders

Abel Lanzac weiss, worüber er schreibt. Hinter dem Pseudonym verbirgt sich ein Berater von Dominique de Villepin, ein Mann also, der bestens mit dem politischen Betrieb und seinen Machtspielen, Intrigen, Eifersüchteleien und Affären vertraut ist. Ausserdem hat er die Katastrophen-Diplomatie vor dem amerikanischen Einmarsch im Irak aus einer sehr privilegierten Warte beobachtet.

Wie damals hinter den Kulissen verhandelt, gerungen, erpresst und gelogen wurde, vermittelt er überzeugend und detailreich – und immer mit einem untrüglichen Gespür für komische Situationen.

Tiefe Abgründe und gekonnte Zuspitzung

Christophe Blain setzt die Atemlosigkeit der diplomatischen Raserei in scheinbar freie, lockere Zeichnungen um. Die jedoch machen die physiognomischen und charakterlichen Eigenheiten und Abgründe seiner Figuren schonungslos sichtbar, auch die der internationalen Politgrössen.

Damit führt er die Kunst der politischen Karikatur in den narrativen Kontext des Comics über – denn es handelt sich bei «Quai d'Orsay» keineswegs um eine Abfolge von Karikaturen, sondern um einen brillant erzählten Comic.

Nicht zuletzt Blains Bildsprache ist es zu verdanken, dass «Quai d'Orsay» auch ganz unabhängig von den Verweisen auf französisches Polit-Personal und vergangene internationale Ereignisse funktioniert: als eine zeitlose und immer hoch komische Studie über menschliche Stärken und Schwächen auf dem internationalen Polit-Parkett.