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Literatur Das Banale, der Abgrund und «Karlheinz»

Er ist im Rhein ertrunken, Ende der 1980er-Jahre. Er war ein Messie, ohne Freunde, unauffällig, durchschnittlich – genau wie sein Name: Karlheinz. Der gleichnamige Roman zeichnet nun sein Leben nach, als einzige Quelle dient Karlheinz' Nachlass. Und inmitten der Banalitäten tut sich der Abgrund auf.

Ein Mann sitzt am Tisch mit einem Glas Likör, im Hintergrund ein geschmückter Weihnachtsbaum.
Legende: Mittelmass, Einsamkeit und Lametta – das Leben des Karlheinz N. in einem Land, das es nicht mehr gibt: Westdeutschland. Metropolit Verlag

Keine Spur bei Google. Keine Freunde bei Facebook, kein Sucherfolg im Netz. Dieses Leben ist einfach zu früh vorbei. Karlheinz Naksch stirbt Ende der 1980er-Jahre, in Ludwigshafen am Rhein, als es die mediale Spur noch nicht gibt, die heute längst jeder hinterlässt. Die Leiche wird aus dem Wasser gezogen, die Umstände des Todes werden nie geklärt. Was bleibt? Was bleibt von Karlheinz?

Die Wohnung eines Messies, das ist das erste. Ein paar Räume, vollgestopft mit Lebensspuren, Fotos, Tagebüchern, Briefen, Gebirge von Zeitungen. 15 bis 20 Kubikmeter Restmüll alles in allem und doch gibt es Ordnung im Chaos, scheinbar.

Akribie waltet, auch wenn man sie nicht gleich erkennt. Und es gibt Fragen. Warum die vielen Pakete, ordentlich verschnürt, die unbenutzten Papiertüten mit der Aufschrift «Frisch aus erster Hand», die sorgsam an der Wand gestapelten Konservendosen? Es wird eine banale Auflösung geben, aber am Ende doch ein Leben, das sich so schnell nicht erklärt.

«bei Ingrid, 20 Mark»

Der unbekannte Mann hat Listen geführt, penible Notizen gemacht noch über die alltäglichsten Vorkommnisse. Da ist jede Anschaffung vermerkt, vom Hosenknopf bis zur Hotelrechnung, auch die Arztbesuche, die gelegentlichen Besuche bei Prostituierten und die Notiz «bei Ingrid, 20 Mark». Vergilbte Pornofotos sind in den Papierhüllen und kolorierte Ansichtskarten, die von Ferienreisen berichten, nach Interlaken und anderswo.

Der Nachlass eines Unbekannten und sein Entdecker: Billy Hutter hat einen Roman aus dem gemacht, was er in dieser verlassenen Wohnung gefunden hat. Hutter, Jahrgang 1958, lebt selbst in Ludwigshafen. Haushaltsauflösungen sind sein Beruf, bevor er Möbel restauriert und nebenbei an diversen Kunstprojekten arbeitet. Karlheinz ist seine Obsession. Für die Dokumente gibt es ein kleines Museum , Link öffnet in einem neuen Fenster– und jetzt das Buch «Karlheinz».

Der dicke Nachbarsjunge

«Ein Mann der Salze und der Säuren», das ist Karlheinz' Vater, Angestellter, Chemiker bei der BASF. Für den Sohn bleibt er unerreichbar. Der studiert Chemie in Heidelberg, bricht seine Promotion ab und wird einfacher Mitarbeiter im gleichen Unternehmen. Karlheinz ist ein Kind der frühen Bundesrepublik. Keine Freunde, keine Beziehung. Er liebt sein «Opel-Auto» und lebt bei den Eltern. Er plant die Sonntagsausflüge, wird Regenmäntel sammeln und von «Nervenleiden» berichten.

Der «dicke Nachbarsjunge», mit dem er spielt, wird später deutscher Bundeskanzler. Alles ist Mittelmass an diesem Mann, so sehr, dass man es gar nicht glauben kann und plötzlich den Abgrund erkennt, der in diesem Leben liegt. Mittelmass und Einsamkeit. Er wird allein bleiben und am Schluss seine Eltern überleben. Sicher ist auch, dass er dann bankrott ist und seine Wohnung verlassen muss. Dann führt die Spur in den Rhein.

Dieser Roman aus Dokumenten ist selbst ein Dokument. Er zeigt an einem Leben exemplarisch die Wahrheit über eine sehr vergangene Zeit. Westdeutschland zum Wundern.

Sendehinweis

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Legende: SRF/Gian Vaitl

«Karlheinz» von Billy Hutter wird am Dienstag, 24.11.2015, um 22.25 Uhr im «Literaturclub» auf SRF 1 besprochen. Thema sind auch: «Eins im Andern» von Monique Schwitter, «Ach, diese Lücke, diese entsetztliche Lücke» von Joachim Meyerhoff, «Der schmale Pfad durchs Hinterland» von Richard Flanagan und «Menschen im August» von Sergej Lebedew.

Buchhinweis

Billy Hutter: «Karlheinz». Metropolit, 2015.

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