Solothurner Literaturtage Das Floss der Medusa: Wenn der Mensch zum Kannibalen wird

Der Österreicher Franzobel schildert in seinem Roman «Das Floss der Medusa» eine Schiffskatastrophe vor 200 Jahren – eine beklemmende Allegorie auf die Natur des Menschen.

Bild: Zahlreiche Menschen auf einem einfachen Floss in einem Meeressturm.

Bildlegende: Bis heute verstört, was auf dem Floss der «Medusa» geschah (hier auf dem Bild von Théodore Géricault, 1818-19, Detail). Wikimedia

Sommer 1816: Das französische Segelschiff «Medusa» mit Ziel Senegal läuft vor der westafrikanischen Küste auf eine Sandbank. Die 400 Passagiere und Besatzungsmitglieder müssen von Bord.

Längst nicht alle finden jedoch in den wenigen Beibooten Platz. 147 Menschen flüchten sich auf ein eiligst gezimmertes Floss. Und dort beginnt ein eigentlicher Horror.

Das Ende von Moral und Kultur

Das Floss treibt über Tage und Wochen ohne Steuerung auf offener See. Hunger und Durst fordern ihre Opfer. Die Menschen sterben reihenweise. Irgendwann beginnen die Überlebenden die Leichen der Mitreisenden zu verspeisen.

Als das Floss der «Medusa» nach mehr als zwei Wochen endlich gefunden wird, sind nur noch 15 am Leben – der Apokalypse entronnen.

Historischer Stoff

Diese Geschichte ereignete sich wirklich. Sie sorgte bereits damals, im Europa der beginnenden Restauration, weit über Frankreich hinaus für Aufsehen.

Das Unfassbare, das sich auf dem Floss der «Medusa» abspielte, verstört bis heute. Und es fasziniert: Es gibt Filme, musikalische Umsetzungen und literarische Aufarbeitungen.

Am berühmtesten ist das monumentale Gemälde des französischen Malers Théodore Géricault im Pariser Louvre. Es fängt die geschundene Kreatur auf den Planken der letzten Hoffnung eindrucksvoll ein.

Sprachmächtiger Erzählfluss

Jetzt legt Franzobel die jüngste literarische Darstellung vor. Und sie überzeugt. Dem virtuosen und wortgewaltigen Sprachkünstler gelingt eine atemberaubende Aufarbeitung des abgründigen Stoffes. Mit barocker Sprachgewalt und wild oszillierendem Erzählfluss treibt der Autor die Schilderung mit hohem Tempo voran.

Dank unzähligen bizarren Assoziationen und einer grotesk verzerrten Zeichnung der Figuren vermeidet es Franzobel gekonnt, das ungeheuerliche Geschehen zur Tragödie verkommen zu lassen.

So ist etwa der Kapitän Hugues Duroy de Chaumarey nicht einfach ein unfähiger Adliger, der denkbar schlecht geeignet ist, ein Segelschiff zu kommandieren. Nein, Franzobel bläst ihn mit bissiger Ironie zum blasierten, gepuderten und von Darmstörungen geplagten Gecken auf.

Groteske Brechung

So verhält es sich mit den meisten der Figuren: Sie verkommen zur Karikatur ihrer selbst. Franzobel inszeniert das Grauen als Puppentheater, grotesk, jeder Vernunft entrückt.

Erst so gelingt es ihm, zum inneren Kern des Unfassbaren vorzustossen – dem Zusammenbruch jeder Moral und Kultur in Anbetracht der Katastrophe: Der Mensch wird zum Kannibalen. Zum Tier. Zum Monster. Ein Mechanismus, den man auch aus Kriegen kennt.

Ermüdendes Tempo

Franzobels Parabel auf die menschliche Natur beklemmt. Über gewisse Strecken nützt sie sich jedoch auch ab: Das rasante Erzähltempo, die permanente Action, das Aufeinanderprallen von Figuren, die allesamt monströs und bis zur Unerträglichkeit überhöht sind, der ununterbrochene Wechsel der Perspektive, das Fehlen einer eigentlichen Hauptfigur – das alles wirkt auch ermüdend.

Gelegentlich etwas beschaulichere Passagen hätten der Dynamik des 600 Seiten dicken Wälzers nicht geschadet.

Parabel auf die Moderne

Lesenswert ist Franzobels neues Buch allemal. Es sprengt den Rahmen des historischen Romans und macht den Menschen an sich zum Thema.

Und es lässt sich als Parabel auf die Moderne lesen, die von so gigantischen Problemen wie dem Klimawandel bedroht ist. Denn die Welt scheint – der «Medusa» gleich – tatsächlich auf eine Sandbank zuzusteuern.

Buchhinweis

Franzobel: Das Floss der Medusa. Zsolnay 2017.

Zum Autor

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Imago/Horst Galuschka

Franzobel (eigentlich Franz Stefan Griebl) wurde 1967 in Vöcklabruck, Österreich geboren. 1995 erhielt er den Ingeborg-Bachmann-Preis. Franzobel hat unzählige Romane, Kinderbücher und Theaterstücke verfasst.

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