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Literatur «Das Gift»: Geschichte einer rätselhaften Katastrophe

Mysteriöse Geschichten haben in Argentinien Tradition. Samanta Schweblin führt diese Tradition mit ihrem Roman «Das Gift» fort. Darin lässt die argentinische Schriftstellerin das Fantastische und das Dunkle in den biederen Alltag ihrer Figuren einbrechen. Und zwar so, dass es dem Leser schaudert.

Blick durch ein zerbrochenes Fenster auf einen Sonnenuntergang in der argentinischen Pampa.
Legende: Die Geschehnisse in «Das Gift» sind rational nicht erklärbar. Flickr/juanedc

Samanta Schweblin hat Filmwissenschaften studiert, was man ihrem «visuellen» Roman anmerkt. Schweblin hat in erster Linie Kurzgeschichten publiziert, weil diese «mehr Möglichkeiten bieten, sich den Boden unter den Füssen wegzuziehen.»

Wohlverstanden, die Autorin will selbst verunsichert sein, auf schwankendem Boden Regie führen. Dies wiederum ist für die Leserschaft Lizenz, nicht alles bis ins letzte Detail verstehen zu müssen. Darum ist dies ein Roman, der rätselhafte Züge trägt.

Wenn das Magische regiert

Normalerweise schätzt man es nicht, wenn die Logik der Dichtung ausgehebelt wird. Aber hier tut dies – was das Faszinosum dieser Geschichte ausmacht – dem Plot überhaupt keinen Abbruch.

Vieles ist rätselhaft. Aber wenn man sich auf Fragen keinen Reim machen kann, dann tut dies für einmal überhaupt nichts zur Sache. Das Irreale und das Magische sind in diesem Roman die Regenten.

Das Fantastische birgt Faktoren, die hier ihren besonderen Sinn stiften. Und sei es nur, dass man nicht zu viel «warum» fragt. Schweblin will ein Lebensgefühl schaffen, das weit entfernt ist von unserer westlichen Rationalität.

Eine Heilung mit Folgen

Ein unbekannter Fluch, der über einem Dorf irgendwo auf dem Lande zu liegen scheint, bestimmt das Geschehen. Auf mysteriöse Weise ist ein namenloses Gift ins Wasser gelangt. Die kleinen Kinder David und Nina trinken das Wasser.

Das Gerüst des Romans ist ein Dialog zwischen David und Amanda, der Mutter Ninas. Sie ist quasi die Erzählerin. Möglicherweise ist sie todkrank und steht kurz vor ihrem Ende. David hat die Vergiftung wohl überlebt. Dank Transmigration einer Heilerin. Ein Teil von Davids Geist ist dabei in einen anderen Körper übergegangen. Ein Rest ist bei ihm geblieben.

Alles nur Einbildung?

Möglicherweise ist die Stimme Davids nur eine Einbildung Amandas, die auf einer Krankenstation zu delirieren scheint. David drängt Amanda, ihre Rekonstruktion der Giftkatastrophe voranzutreiben. Der Grund für diese Eile liegt wohl darin, dass Amandas Lebensfaden bald reissen könnte.

Aber, wie angedeutet: Wer soll das alles glauben? Der Roman ist voller Rätsel und Lücken. «Sterben ist nicht so schlimm», sagt David einmal zu Amanda. Möglicherweise ist dies ein Hinweis darauf, wer in diesem Roman das Leben lassen muss. Ein Ausnahmezustand, eine unmittelbare tödliche Bedrohung herrscht, der die Figuren hilflos ausgesetzt sind.

Die verstörende Kunst des Weglassens

Die Erzählerin Amanda verabreicht uns die Geschichte nur tropfenweise. Die Leser haben die volle Freiheit, die Leerstellen nach ihrem Gutdünken aufzufüllen. In keinem Moment zerfällt diese Tragödie oder bräche gar in Teilen weg. Die Klammer ist die schier unerträgliche Spannung, die dieser Text erzeugt.

Es tun sich permanent neue Abgründe auf oder mögliche Wendungen. Die Spannung ergreift einen körperlich. Sie wird bis zum Schluss aufrechterhalten. Dies ist das Hauptmerkmal dieses gerade mal 120 Seiten umfassenden Sprachkunstwerks.

Der «Thrill» hat einen im Griff bis zum allerletzten Buchstaben dieses Dramas – ohne dass die Spannung aufgelöst würde. Was man sich als Leser so sehr wünscht. So wie man es aus den Filmen David Lynchs kennt. «Das Gift» ist ein zutiefst verstörender Roman. Ein Alptraum, glasklar und diffus zugleich.

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