Autbiografische Erzählung Deborah Feldman bewältigt ihre strengreligiöse Vergangenheit

Deborah Feldman bricht aus einer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinschaft aus. Sie landet in Berlin – ausgerechnet. In ihrem neuen Buch beschreibt sie die Versöhnung mit ihrer religiösen Vergangenheit.

Deborah Feldman vor einem Holzhaus.

Bildlegende: Deborah Feldman befreit sich in ihrem neuen Buch von all den irrationalen Ängsten, die ihr als Kind eingebrannt wurden. Keystone

Deborah Feldman sitzt im Cafe Espera, Berlin Neukölln, und beisst herzhaft in ein Sandwich. Die Haare üppig, doch in Schach gehalten, der Jupe sitzt, der Hund auch. Neben ihr mit Rossschwanz und Dreitagebart Verleger und Übersetzer Christian Ruzicska. Er raucht.

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Deborah Feldmans Entscheidung für die Freiheit

5:37 min, aus Kulturplatz vom 24.5.2017

Feldman wedelt mit Temperament durch die Luft und legt los. Erzählt davon, wie sie hier um die Ecke gewohnt hat, damals, als sie vor zwei Jahren mit ihrem Sohn zum zweiten Mal ein neues Leben begann, von Null an.

Ausgerechnet in Berlin. Ausgerechnet auf «verbrannter Erde», wie die jüdisch ultraorthodoxe Satmarer-Gemeinschaft, in der sie aufgewachsen ist, Europa zu nennen beliebt.

«Unorthodox»

23 war sie, schon längst eine verheiratete Frau, als sie mit ihrem Sohn aus der eingeschworenen Gemeinschaft ausbrach. Aufbrach, sich ein eigenes, ein selbstbestimmtes Leben zu suchen, eine eigene Identität.

Satmarer-Juden

Die Satmarer wurden 1905 von Rabbi Joel Teitelbaum begründet, benannt nach ihrem Entstehungsort, der Stadt Satu Mare, damals Ungarn, heute Rumänien. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die strengorthodoxe chassidische Gemeinschaft in Williamsburg in New York wiederaufgebaut. Die Satmarer lehnen den Zionismus ab und glauben, dass der Holocaust eine Strafe Gottes war. Die eigene Ghettoisierung und das Leben in frommer Dunkelheit sehen sie als den einzigen Weg, einen weiteren Holocaust zu verhindern.

In ihrer ersten autobiografischen Erzählung «Unorthodox» hat sie über das Leben im strengfrommen Umfeld geschrieben. Über die Regeln und Rituale. Über die Benachteiligung der Mädchen und Frauen. Das Buch wurde 2012 in den USA zum Bestseller.

«Überbitten»

Feldman spricht schnell und bestimmt und so eloquent, als hätte sie ihr Leben lang Deutsch gesprochen. Nur ab und zu schiesst ihr ein hartes «ch» aus dem Jiddischen aus dem Hals. «Ich musste meine Muttersprache mit dem Deutschen verbinden und versöhnen, um mich in einem neuen Leben verwurzeln zu können», sagt sie.

Um Versöhnung geht es auch in ihrem zweiten Buch. Um den Versuch der Versöhnung mit ihrer strengreligiösen Vergangenheit und der Geschichte ihrer Familie.

Wurzellos in der freien Welt

«Überbitten» schliesst dort an, wo «Unorthodox» aufhört. Nach dem Ausbruch. Eine junge Frau mit ihrem Sohn zwischen zwei Welten, im Niemandsland, auf sich gestellt.

Feldman erzählt, wie sie sich durchkämpft, wie sie hadert. Wie sie ihre Eizellen verkauft, aus Not. Wie sie zum letzten Mal betet in einem kleinen Apartment in Manhattan, aus Not. Wie sie mit den Gefühlen ringt, Verräterin und Verstossene zu sein. Mit den Enttäuschungen und Überforderungen, die die neue, die fremde und freie Welt ihr bereithält. Und wie sie sich schliesslich aufmacht auf die Suche nach ihren Wurzeln in Europa.

Wurzeln in Europa

Auf den Spuren ihrer Grossmutter reist Deborah Feldman nach Ungarn, Schweden und Deutschland. Hier wuchs ihre Grossmutter auf. Hier erlebte sie den Zweiten Weltkrieg, überlebte als einzige ihrer Familie den Holocaust und übersiedelte als staatenloser Flüchtling schliesslich in die USA.

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Deborah Feldman über ihre Grossmutter

0:45 min, vom 29.5.2017

Feldman nimmt das Leben ihrer Grossmutter als Modell, konstruiert es nach und dabei ihr eigenes neu. Sie befreit sich über die Konfrontation mit der schrecklichen Vergangenheit, mit Fakten aus Dokumenten in Archiven von all den irrationalen Ängsten und Vorurteilen, die ihr als Kind eingebrannt wurden.

Moralische Überlegenheit

Feldman sucht ihre eigene Wahrheit. Sie schont sich nicht und stellt auch die ganz schwierigen Fragen. Sie verstrickt sich mit einem deutschen Liebhaber in Gedankenexperimente über die Frage nach Täter und Opfer und der moralischen Überlegenheit.

Sie denkt nach über die Übertragung von Schuld und Schmerz einer ganzen Generation. Versteht, wie sich diese auf sie übertragen hat, wie das Schweigen der Grossmutter über ihre Vergangenheit «die Flamme ihres Leidens in meinem eigenen Herz lebendig hielt».

700 Seiten – 7 Jahre

Feldman trägt den Leser auf 700 Seiten durch 7 ereignisreiche Jahre. Und sie tut es so genau, so ehrlich und eindringlich, dass es wehtut. Es ist ihr ernst mit jedem Satz. Sie erzählt dicht und schlüssig und führt den Leser mit ihrer inneren Stimme durch ihre Jahre des Grabens und Fragens, des Suchens und Findens.

Verleger und Freund

Und heute sitzt sie in einem kleinen Strassencafé in Berlin, zwischen libanesischen Take-aways und türkischen Lebensmittelläden, und beisst herzhaft in ein Sandwich.

Das Café Espera war ihr Anfangspunkt, ihre Hoffnung. Hier im Mulitkulti-Berlin fand sie sich unter Leuten, die wissen, wie es ist, das Leben in einer völlig fremden Welt nochmal neu beginnen zu müssen. Hier fand sie Freunde. Auch ihren heutigen Verleger Christian Ruzicska. In ihm fand sie nicht nur einen guten Freund, sondern den Übersetzer und Verleger, der perfekt zu ihr passt. Dann müssen die beiden los. Sie haben viele Termine.

Sendung: SRF 1, Kulturplatz, 24.05.2017, 22:25 Uhr

«Überbitten»

«Iberbetn» bedeutet im Jiddischen gegenseitige Versöhnung und ist verwandt mit dem deutschen Verb überbitten, das noch im 19. Jahrhundert gebräuchlich war. Bei den jüdisch-orthodoxen Satmarer ist es tägliches Ritual: Zwei Menschen bitten einander um Verzeihung mit der gegenseitigen Verpflichtung, einander zu vergeben.

Deborah Feldman

  • «Unorthodox», Secession Verlag, 2016.
  • «Überbitten», Secession Verlag, 2017.

Deborah Feldman liest am 21. Juni 2017 im Kaufleuten Zürich.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Neues Leben – Deborah Feldmans Entscheidung für die Freiheit

    Aus Kulturplatz vom 24.5.2017

    Eine folgenschwere Entscheidung in ihrem Leben getroffen hat die Autorin Deborah Feldman: Mit 22 wagt sie den Ausbruch aus ihrer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinschaft in Brooklyn und baut sich mit ihrem Sohn ein neues Leben auf. «Unorthodox», ihr Enthüllungsbericht über das Leben im strengreligiösen Umfeld, wurde in den USA über Nacht zum Bestseller. Mit ihrem jetzt erschienenen zweiten Buch «Überbitten» schliesst Feldman dort an, wo «Unorthodox» aufhört. Sie berichtet von der Zeit nach der Befreiung, von ihrer Suche nach Identität in Europa und der Versöhnung mit ihrer Vergangenheit.

    Sibilla Semadeni

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