Der Mensch, ein Findelkind: Adolf Muschgs neuer Roman

Die Menschen als freischwebende Elementarteilchen: Sie ziehen sich an und stossen sich ab, sie erscheinen und verschwinden. In seinem neuen Roman «Die japanische Tasche» versucht Adolf Muschg, die Fülle des heutigen Lebens abzubilden – eine Art modernes Märchen.

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Adolf Muschg über seinen ersten Satz in «Die japanische Tasche»

0:54 min, vom 26.10.2015

«Der Blick auf jedes Stück Materie macht mich so fromm, wie ich nur werden kann», sagt Adolf Muschg. Er ist fasziniert von der unendlichen Fülle und Perfektion der Natur, im Grossen wie im Kleinen. Er staunt über die Wunder des Universums und erschauert, wenn Physik und Biologie in immer winzigeren Nanobereichen unendliche Weiten entdecken.

Flugaufnahme eines Sandstrands mit zahlreichen Sonnenschirmen, Zelten und Menschen auf Badetüchern.

Bildlegende: Der Mensch müsse sein Zusammenleben «besser spielen», findet Adolf Muschg: Badestrand in Shirahama, Japan. Keystone

Das Leben «besser spielen»

«Unsere Vorstellungen von Gross und Klein sind infantil», stellt er fest. Da die Schöpfung ein so perfektes Spiel ist, müsste auch der Mensch sein Spiel, sein Leben und Zusammenleben, «besser spielen», findet er. So schlecht, wie sich die Menschen heute benehmen, «so schlecht kann es doch nicht gemeint gewesen sein», findet Muschg.

Ja, er denkt an die Möglichkeit, dass wir «gemeint» oder «geträumt» werden von einem unbekannten Wesen. Auf seine Art ist Muschg durchaus religiös.

Geheimnisse ohne Ende

Dem Schriftsteller Muschg ergeht es bei der Schilderung seiner Figuren ähnlich wie dem Naturwissenschaftler bei der Beobachtung der Natur: Immer, wenn er eine Beschreibung oder Erklärung gefunden hat, tun sich neue Geheimnisse auf. Muschgs Romanfiguren in «Die japanische Tasche» sind unberechenbar.

Leitfigur durch die Fülle des Romans ist Beat Schneider, Historiker von Beruf. Er ist ein Findelkind. Auch ihm ist, wie allen Figuren dieses Romans, keine Bindung, keine Familie, keine Verwurzelung von vornherein gegeben. Muschgs Figuren müssen sich und ihre Beziehungen zu anderen selbst erfinden. Umso wichtiger werden Freundschaften – mit oder ohne erotische Tönung. Und Orte der Zuflucht, wo die einsamen Individuen sich begegnen können.

Eine faszinierende Fremde

Ein solcher Zufluchtsort ist der «Auerhahn», ein Familiensitz mit einem Atelier, verwaltet von zwei mitfühlenden Frauen. Hier finden Gestrandete Schutz, Geborgenheit und neue Beziehungen.

Porträt von Adolf Muschg mit blauem Hemd.

Bildlegende: Adolf Muschg ist fasziniert von der geheimnisvollen Perfektion der Natur. Keystone

Im Atelier des «Auerhahn» landet auch Beat Schneider, bis er LouAnne kennen lernt, seine grosse Liebe. Sie ist nach herkömmlichen Kriterien «behindert»: Zu langsam und zu schweigsam für das soziale Leben von heute. Aber ein emotionales und künstlerisches Genie. Aus Punkten und kleinen Strichen schafft sie meisterhafte Porträts. LouAnne ist eine auch für die Lesenden faszinierende Figur: fremd und anrührend zugleich.

Festklammern an der japanischen Tasche

Beat Schneider zieht aus dem «Auerhahn» aus, heiratet LouAnne, lebt seine «amour fou» – bis er die Frau in einem unbedachten Moment schlägt. Damit zerstört er sein und ihr Leben.

Er landet wieder im «Auerhahn», knüpft neue Freundschaften, hält einen wilden Vortrag auf einem Historikerkongress – und klammert sich an das einzige, was ihm von LouAnne, die in einer psychiatrischen Klinik lebt, geblieben ist: eine japanische Tasche, die sie ihm geschenkt hat. Als er diese Tasche verliert, geht auch seine Zeit zu Ende, zumindest seine Romanzeit: Schneider verschwindet.

Ein Mann der Zukunft

Ein junger Biologe tritt in gewisser Hinsicht an Schneiders Stelle – jedenfalls rückt er ins Zentrum des Romans. Ruppig und unflätig, von Geburt an mit vielen Problemen belastet, wird auch er im «Auerhahn» zivilisiert und lernt den Umgang mit sich selbst.

Mit Leidenschaft sucht er den verschwundenen Beat Schneider: in LouAnnes Zeichnungen, in der weiten Welt – und mit Hilfe der Biologie. Denn, wer weiss, vielleicht wird es eines Tages möglich, verschwundene Menschen zu rekonstruieren. Auch dieser junge, temperamentvolle Mensch, dem die Zukunft gehört, ist – ganz ähnlich wie der Autor – in gewisser Hinsicht «fromm»: fasziniert von der immer noch geheimnisvollen Perfektion der Natur.

Es ist ein modernes Märchen, was Muschg mit «Die japanische Tasche» erzählt: ebenso nah und so fremd wie die klassischen Märchen unserer Kindheit.

Ansichten: Schweizer Literatur

Ansichten: Schweizer Literatur

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