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Literaturredaktorin Nicola Steiner über «Vernichten» von Michel Houellebecq
Aus Kultur-Aktualität vom 11.01.2022.
abspielen. Laufzeit 04:28 Minuten.
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Der neue Houellebecq Sogar der Sex ist harmlos geworden

Geschwätzig und gefühlsduselig: Frankreichs Skandalautor Michel Houellebecq verzettelt sich in seinem neuen Roman «Vernichten».

Sei es wegen der gekonnten Selbstinszenierung des Autors, sei es wegen der verstörenden Aktualität, die in seinen Büchern steckt: Jeder neue Roman des französischen Schriftstellers Michel Houellebecq sorgt beim Erscheinen für kolossale Aufmerksamkeit.

In Houellebecqs aktuellem Roman mit dem Titel «Vernichten» geht es um die französischen Präsidentschaftswahlen im Jahr 2027. Der knapp 50-jährige Paul Raison arbeitet als persönlicher Assistent für den französischen Wirtschafts- und Finanzminister, der eng in die Präsidentschaftswahlen eingebunden wird.

Woher kommt das Deep-Fake-Video?

Doch vorerst stehen andere Vorkommnisse im Zentrum des Geschehens. Es tauchen mysteriöse Videos mit verschlüsselten Botschaften im Netz auf. Eines davon zeigt als Deep-Fake-Animation, wie Pauls Chef mit einer Guillotine enthauptet wird.

Es gilt herauszufinden, wer die Videos produziert hat. Sie sind mit ungeheuer ausgefeilten Spezialeffekten hergestellt, die eine riesige Rechenleistung erfordern. Auch über die Motive der Urheber kann der französische Geheimdienst einstweilen nur rätseln.

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Houellebecq lässt Thriller-Fans hängen

Das Buch zeigt sich hier als veritabler Polit-Thriller mit Hackern, Internet-Piraten und mystischen Verschwörungstheorien. Dass ausgerechnet dieser Handlungsstrang nicht zu Ende geführt wird, ist vermutlich vom Autor bewusst gesetzt, aber für die Leserin ein Ärgernis.

Stattdessen setzt Houellebecq mit diesem Buch auf ganz neue Töne: die der menschlichen Nähe. Der andere Handlungsstrang nämlich widmet sich Pauls persönlicher Geschichte. Seine Ehe ist nach vielen Jahren am Nullpunkt angekommen.

Als Pauls Vater nach einem Hirnschlag ins Koma fällt, müssen sich Paul und seine Geschwister um ihn kümmern. Vor allem darum, dass der Vater nicht im Heim vor sich hinsiecht. Im Zuge dieser privaten Herausforderungen entdeckt Paul die Liebe neu und den Wert von Ehe und Familie.

Die Ironie sitzt, das Gefühl weniger

Den ironischen Ton beherrscht Houellebecq perfekt – dieser «Autor ohne Stil» kann zweifellos schreiben. Daneben liest sich das Buch zwar rasant und süffig, aber leider auch etwas gefühlsduselig und an manchen Stellen sogar kitschig.

Das ist Houellebecq weichgespült. Selbst der Sex erscheint – gemessen an dem, was man von ihm gewohnt ist – harmlos. Allerdings sind die Gedanken, die Michel Houellebecq immer wieder einstreut, echte Perlen. Und seine Themen spannend und anregend.

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Was ist dieses Buch?

Wegen seiner Sprunghaftigkeit zwischen verschiedenen Handlungsebenen und Genres kommt der Roman unentschieden und geschwätzig daher. Was will Houellebecq mit diesen 600 Seiten Stoff?

Ist das Buch ein Politthriller über Revolutionen, Terrorismus, Verschwörungstheorien und Mystik? Ist es eine Satire auf die Politik? Eine Liebesgeschichte, ein Familienroman? Ist es eine Globalisierungs- und Digitalisierungskritik?

Ist «Vernichten» Gesellschaftsroman à la Balzac, den Houellebecq neben vielen anderen mehrfach aufruft? Ist es ein Buch über Krankheit und Alter? Oder über die Vernichtung der Demokratie und den Verlust von Ordnung und Ratio? Der Nachname Raison ist nur einer von einigen sprechenden Namen.

Der Tod des Autors

«Vernichten» ist auf jeden Fall ein Buch über den Tod, vielleicht sogar über den Tod des Autors, wie im Nachwort anklingt.

An einer Stelle zitiert Houellebecq den französischen Philosophen Blaise Pascal: «Zum Schluss schüttet man ein bisschen Erde auf uns, und alles ist für immer beendet.» Insofern ist «Vernichten» dann wenigstens ein passender Titel, der viel verspricht und leider zu wenig einlöst.

Buchhinweis

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Michel Houellebecq: «Vernichten». Dumont, 2022.

Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 11.01.2022, 07:06 Uhr.

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