Der rüstige Rentner als Buchkritiker im Netz

Dieter Wunderlich hat sein Hobby zum Job gemacht: 80 Stunden pro Woche kritisiert der 67-jährige deutsche Rentner auf seiner eigenen Website aktuelle Bücher und Filme – und erreicht damit ein Millionenpublikum.

Ein Mann mit Brille und grauen Haaren, im Hintergrund ist ein Gebüsch erkennbar.

Bildlegende: Keine Zeit für den Ruhestand: Zwei bis drei Bücher stellt Dieter Wunderlich wöchentlich vor. ZVG

Vor zehn Jahren bin ich ihm im Netz das erste Mal begegnet: Dieter Wunderlich – Kritiker und Frauenkenner. Zum Frauenkenner später. Zuerst Wunderlich, der Kritiker.

Wer im Internet nach Literatur- und Filmkritiken sucht, stösst unweigerlich irgendwann auf die Internetseite dieterwunderlich.de. Seit 2002 publiziert der Rentner wöchentlich eine Auswahl von Büchern und Filmen, die er und seine Frau Irene für lesens- beziehungsweise sehenswert halten. Inzwischen ist die Sammlung auf über 4000 Tipps angewachsen. Ausgedruckt ergäben die Besprechungen einen zwei Meter hohen Papierstapel.

Html – selber beigebracht

Der studierte Psychologe Dieter Wunderlich arbeitete bis zu seiner Frühpensionierung im Management eines Grossunternehmens in der Nähe von Frankfurt. 2001 kündigte er mit 55 Jahren, um sich voll und ganz seinen Hobbys zu widmen: dem Schreiben von Büchern und dem Verfassen von Film- und Buchkritiken.

Zwei bis drei Besprechungen stellt er wöchentlich auf seine Website, die er selber kreiert hat. Im Internet fand er Anweisungen für das Programmieren und brachte sich die Html-Sprache kurzerhand im Eigenstudium bei. Formal gewinnt die Site keinen Blumentopf, aber dafür ist sie logisch aufgebaut. Zu jedem Buch und Film gibt es eine kurze und lange Inhaltsangabe und eine Besprechung. Man kann nach Titel, Autor, Regisseur oder nach Neuerscheinungen suchen.

Fünf Millionen Klicks pro Jahr

Ursprünglich haben die Wunderlichs die Internetseite als Gedankenstütze geplant, als Nachschlagewerk, damit sie jederzeit nachlesen können, welche Bücher und Filme sie konsumiert haben. Schliesslich lässt das Gedächtnis nach im Laufe der Zeit. Nach und nach wurde die Seite auch von anderen Leseratten und Film-Affiçionados entdeckt. Und so tummeln sich heute jährlich fünf Millionen User auf Dieter Wunderlichs Website.

Würde er dies kommerziell nutzen, er könnte sich locker ein Zubrot verdienen. Bis zu 10'000 Euro Werbeeinnahmen würde die Seite generieren, hat ihm mal ein Fachmann vorgerechnet. Doch Wunderlich lässt sich nicht verführen vom schnöden Mammon. Er will unabhängig bleiben. Kauft Bücher und DVDs vom eigenen Geld oder besorgt sie in der Bibliothek.

Gefundenes Fressen für faule Schüler

Wunderlichs Zusammenfassungen von Büchern sind auch für faule Schüler attraktiv. So schrieb ihm neulich ein Gymnasiast, ob er nicht bitte die Inhaltsangabe zu einem Buch vom Netz nehmen könne. Er habe sich erlaubt, die Zusammenfassung eins zu eins als Schularbeit abzuschreiben und er wolle nicht, dass der Lehrer es herausfinde.

Diesen Wunsch konnte Dieter Wunderlich dem gestressten Schüler leider nicht erfüllen. Zu rasant verbreiteten sich Inhalte im Netz. Der Lehrer hätte gefunden, wonach er suchte. Aber über solche Anekdoten können Dieter Wunderlich und seine Frau herzhaft lachen.

Und nun zum Frauenkenner

Seit 1999 betätigt sich Dieter Wunderlich als Buchautor. Er schreibt über «wagemutige» Frauen, über «ausserordentliche», über «eigensinnige», «verführerische» oder neulich über «unerschrockene Frauen». Männer werden schnell mal mit einem Denkmal geehrt oder einer Briefmarke, Frauen hätten es ungemein schwerer, Anerkennung zu bekommen, erklärt der Autor im Interview. Und so widmet Dieter Wunderlich seine Kurzbiographien den starken Frauen wie Coco Chanel, Mata Hari, Madonna oder Hildegard Knef.

Sechs Buchtipps von Dieter und Irene Wunderlich

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