«Die Andouillette»: Wenn das Wort Fleisch wird

Gion Mathias Cavelty sieht der Hörspiel-Premiere seines Werks «Die Andouillette» am Pfingstsamstag mit Sorge entgegen. Geht es doch darin um nichts weniger als die letzten Dinge. Wie es dazu kommen konnte, dass Gott und eine Wurst in seinem Hirn fusionierten, das erklärt er vorsorglich grad selber.

Eine ganze und eine aufgeschnittene Wurst auf einem Teller.

Bildlegende: Die Andouillette, eine französische Spezialität aus dem Darm und dem Magen von Schweinen, Kühen oder Enten. GettyImages / Colourbox / Bildmontage

Im August 2004 wäre ich in einem Pariser Bistro beinahe an einer Andouillette erstickt. In den Sekunden, in denen ich keine Luft mehr bekam (es handelte sich wohl nur um Sekunden, obwohl mir das Ganze wie eine Ewigkeit erschien), hatte ich eine Vision – Gott offenbarte sich mir als gigantische Seife.

Das Fleisch hatte mit aller Macht zurückgeschlagen (eine Andouillette ist ja eine Wurst aus Schweinsinnereien).

Buchstaben zum Leben erwecken

Es gibt da diesen Satz aus dem Johannesevangelium: «Das Wort ist Fleisch geworden». Er hat mich seinerzeit überhaupt erst zum Schreiben gebracht. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie er mir direkt ins Mark gefahren ist, als ich ihn als Junge in der Heiligkreuzkirche zu Chur zum ersten Mal gehört habe.

Alles, was ich als Schriftsteller zur Verfügung habe, sind die 26 Buchstaben des deutschen Alphabets. Und mein Traum ist es, diese Buchstaben zum Leben zu erwecken.

Mehr als nur ein Wort

Ein Mal scheint mir das bislang gelungen zu sein. Aufgrund eines Zeitungsartikels von mir, der ausgerechnet «Alle singen, nur das Rindsfilet bleibt stumm» hiess, fuhr ein singender Coiffeur (resp. coiffeurtechnisch sich betätigender Sänger) aus Laufen/BL mit dem Mercedes seiner Mutter in die Redaktion der Boulevardzeitung «Blick». Der Text hatte ihn aufs Äusserste erzürnt. Das Wort war Fleisch geworden, sprich: hatte einen unübersehbaren und unüberhörbaren Effekt in der Realität gezeitigt. Einen mächtigen RUMMMS gab das!

Da wusste ich: Ein Wort ist viel mehr als nur ein Wort. Ihm kann ein anderes Schicksal innewohnen, als früher oder später zwischen zwei Buchdeckel gepresst in einem Antiquariat zu verstauben.

Aber eben: Es ist ein riskantes Spiel, Worte Fleisch werden lassen zu wollen. Manch ein Kabbalist, der nicht so glimpflich davongekommen ist wie ich in jenem Pariser Bistro nahe der Place des Vosges, kann ein Liedchen davon singen (resp. hätte dies tun können, bevor ihm sein Golem oder sein Homunkulus oder was auch immer an die Gurgel gegangen ist).

Akustisches Fleisch

Mein Roman «Die Andouillette» liegt nun als Hörspielbearbeitung vor. Das Wort ist akustisches Fleisch geworden, es lebt und atmet und giert danach, ein Eigenleben in den Köpfen der Hörer zu führen.

Die Szenen in der Fleischhölle, wo alles nur aus Fleisch besteht («Am Fleischhimmel stand ein runder Fleischmond, halb verdeckt von Wolken aus gasförmigem Fleisch; er warf sein fahles Fleischlicht auf ein Meer aus flüssigem Fleisch, das von einem Fleischstrand mit Fleischpalmen gesäumt wurde, die lange Schatten erzeugten. Fleischkrähen segelten lautlos durch die Luft, aus dem Fleischboden, auf dem ich stand, züngelten Fleischflammen») müssen einem das Mark in den Knochen gefrieren lassen.

Ich schreibe «müssen», weil ich es nicht weiss – ich werde den Teufel tun, mir das Hörspiel anzuhören. Denn wenn das Fleisch einmal aus den Boxen des Radios gekrochen ist, ist es zu spät.

Gion Mathias Cavelty

Gion Mathias Cavelty

Paolo Dutto

1974 geboren und auf­gewachsen in Chur, lebt als Autor, Kolumnist und Satiriker in Zürich. Nach seinem literarischen Abschied «Endlich Nichtleser» gab er mit «Die Andouillette» sein schriftstel­lerisches Comeback. Es folgte 2010 die Fortsetzung «Die letztesten Dinge». 2012 erhielt Cavelty den Zürcher Journalistenpreis.

Buchhinweis

Gion Mathias Cavelty: «Die Andouillette». Echtzeit-Verlag, 2009.

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