Dylan Thomas: der gefallene Engel

Dylan Thomas war Kettenraucher und trank Unmengen an Bier und Whiskey. Seine Texte beeinflussten Musiker und Künstler – von den Rolling Stones bis zu den Beatles. Vor 60 Jahren, am 9. November 1953, starb der walisische Dichter in New York. Bis heute bleibt er eine Inspirationsquelle und Vorbild.

Der Musiker Robert Allen Zimmermann las Gedichte von Dylan Thomas mit solcher Begeisterung, dass er sich fortan Bob Dylan nannte. Die Beatles und die Rolling Stones, Richard Burton, John Cale und Igor Strawinsky verehr(t)en ihn gleichermassen.

Kürzlich hat sogar Prinz Charles ein Gedicht von ihm vorgetragen und die Aufnahme im Internet veröffentlichen lassen. In «Fern Hill» (von 1945) beschreibt Dylan Thomas seine Kindheit im ländlichen Westwales – ergreifend und bewegend, wie der britische Thronfolger findet.

Ohne Schulabschluss zum Erfolg

Dylan Marlais Thomas wird am 27. Oktober 1914 in Swansea geboren. Die Mutter gottesfürchtig und Tochter eines Bahnangestellten; der Vater, Englischlehrer am Gymnasium. Mit elf Jahren veröffentlicht Dylan bereits sein erstes Gedicht. Mit 16 verlässt er die Schule ohne Abschluss und schliesst sich einer Laienspielgruppe an.

Dylan wird Mitarbeiter der «South Wales Daily Post». 15 Monate bleibt er bei der Zeitung – die einzige feste Anstellung in seinem Leben. Die Jahre als Schauspieler und Reporter verewigt er später in «Porträt des Künstlers als junger Hund». Eine parodistische Anspielung auf sein literarisches Vorbild James Joyce, der mit «Porträt des Künstlers als junger Mann» die ästhetische Vorlage liefert.

Zwischen dem 16. und 19. Lebensjahr schreibt Dylan über 200 Gedichte – keine Fingerübungen, sondern bedeutende Lyrik voll surrealistischer Sprachalchemie und balladenhafter Wucht. Sie machen den kleinstädtischen «Rimbaud vom Cwmdonkin Drive» (wie sich Dylan ebenso eitel wie ironisch in Anlehnung an seine Geburtsstrasse nennt) über die walisischen Grenzen hinaus schnell bekannt.

Sex und Tod als Obsession

1934 veröffentlicht er sein erstes grosses Werk: «18 Gedichte», so der schlichte Titel, beschert ihm einen unerwarteten Publikumserfolg. Zu Dylans bekanntesten Gedichten gehören «Do not go gentle into that good night», «Fern Hill» und «Death shall have no dominium». Sie sprächen vor allem junge Menschen an, findet Antonio Skármeta. Der chilenische Schriftsteller (73) gilt als einer der wichtigsten Romanciers Lateinamerikas («Mit brennender Geduld»). Für ihn sind die Gedichte von Thomas voller «Energie, Leidenschaft und Erotik».

Die Texte von Dylan Thomas handeln von skurrilen Menschen bei der Arbeit oder im Pub, sind voll obszöner Anspielungen, zart beobachteter Liebesszenen und der rauschhaft empfundenen Natur. Geradezu obsessiv kreisen seine Themen um Sex und Tod.

Fotos zeigen den jugendlichen Dylan mit lockigem Haar und mit einem wachen, sensiblen Jungengesicht. Am Ende seines kurzen Lebens war sein Ausdruck ein ganz anderer: aufgedunsen, dicklich und mit hellen, rot unterlaufenen Augen. Dylan Thomas war Kettenraucher und trank Unmengen an Bier und Whiskey.

Multimedia-Star mit dröhnender Stimme

Was Dylan Thomas 60 Jahre nach seinem Tod noch immer bedeutsam macht? Er war ein Multimedia-Star. Dylan schrieb für den Film, für das Radio, er arbeitete für das Theater, er rezitierte seine Gedichte vor Hunderten von Menschen. Kein anderer Lyriker hat Gedichte so vorgetragen wie der asthmatische Waliser, und niemand war für seine dröhnende Stimme so berühmt wie er.

1954 sendete die BBC «Under Milk Wood», noch im selben Jahr übersetzte die ARD Dylans Hörspiel für das deutschsprachige Radio. «Unter dem Milchwald» wurde mit dem Prix Italia ausgezeichnet, dem international bedeutendsten Preis für Hörfunkproduktionen. Englische Kritiker waren über die Obszönitäten entsetzt, heute sind ihre Einwände längst vergessen.

Mehr als 20 Jahre schrieb Dylan an diesem Porträt einer spiessigen, sehnsüchtigen, kleinbürgerlichen Spielzeugstadt: «Llarreggub» – rückwärts gelesen wird aus dem Namen «Bugger all», was so viel meint wie «Alles Schufte» oder «Alles Päderasten». Bis heute ist «Under Milk Wood» in über 100 Sprachen übersetzt worden.

Niedergerafft vom Alkohol

Dylan Thomas fesselte seine Zuhörer, vor allem in den Vereinigten Staaten. Mit Unterstützung von John Malcolm Brinnin, einem US-amerikanischen Schriftsteller, unternahm er Anfang der 1950er-Jahre drei legendäre Reisen durch die USA. Wo immer er auftrat und seine Verse deklamierte, waren die Säle überfüllt.

Das Denkmal von Dylan Thomas steht in seiner Heimatstadt Swansea.

Bildlegende: Dylan Thomas als Bronzestatue in seiner Heimatstadt Swansea. Michael Marek

Doch Dylan Thomas ging so rücksichtslos mit sich, seinem Talent und den Menschen seiner Umgebung um, dass er schon mit 39 Jahren aufgebraucht war und während seiner vierten US-Lesetour in New York an den Folgen einer Alkoholvergiftung starb.

In seiner Heimatstadt Swansea haben die Stadtoberen extra ein Denkmal für ihn errichten lassen. In Bronze gegossen sitzt Dylan auf der Kante eines Stuhls. Allerdings rief der bronzene Poet bei den örtlichen Dylan-Thomas-Fans nicht nur Zustimmung hervor. Das jugendliche Gesicht habe überhaupt keine Ähnlichkeit mit dem Schriftsteller, so die Kritiker.

Buch- und CD-Hinweise

  • Dylan Thomas: «Unter dem Milchwald. Ein Spiel für Stimmen»
  • Dylan Thomas: «Die Liebesbriefe», Carl-Hanser-Verlag
  • Caitlin Thomas: «Mein Leben mit Dylan Thomas», Beltz Quadriga
  • Dylan Thomas: «Unter dem Milchwald», Der Hörverlag, 2 CDs