Ein Buch zeigt: Es ist nie zu spät, die grosse Liebe zu leben

Ezio will Giovanna heiraten. Sie will sich noch nicht binden. Er flieht, ohne zu merken, dass sie ihn noch zum Bleiben überreden wollte. Sechzig Jahre später schreibt sie ihm einen Liebesbrief. Ernest van der Kwast erzählt in «Fünf Viertelstunden bis zum Meer» eine rührende Liebesgeschichte.

Ein Mann hält eine Frau. Beide haben graues Haar. Sie schauen auf das Meer.

Bildlegende: Finden Giovanna und Ezio auch 60 Jahre später noch zueinander? Colourbox

Giovannas Brief geht ans Herz: «Caro Ezio. Ich habe so oft versucht, dir nicht zu schreiben. Die Sehnsucht hat gewonnen, die hartnäckigen Gedanken an uns.»

Das Schreiben seiner Jugendliebe hat fast ein Frauenleben gebraucht, um Ezio zu erreichen. Und beinahe hätte er den Brief gar nicht bekommen. Der Postbote vergisst nämlich um ein Haar die Post zu verteilen, weil er gerade die Nachricht der Geburt seiner Zwillinge erhalten hat. Aber das ist eine andere Geschichte.

Drei Worte, die sie (noch) nicht sagen konnte: Ich liebe Dich

Es war 1945: Der junge Ezio verguckt sich an einem Strand in Süditalien in die schöne Giovanna. Noch unerfahren in Liebesdingen, überrascht er sie und sich selber auch mit den Worten: «Da ich nun schon mal hier bin: Darf ich dich küssen?» Giovanna lächelt keck, schliesst die Augen und wartet auf den Kuss. Als sie die Augen wieder öffnet, ist Ezio schon wieder weg.

Zum Glück trifft er sie wieder und am Ende eines leidenschaftlichen Sommers fasst sich der junge Mann ein Herz. Er erklärt ihr seine Liebe und gleich zweimal nacheinander macht er Giovanna einen Heiratsantrag. Er gefällt ihr, aber sie liebt auch ihre Freiheit und will sich noch nicht binden. Ziemlich enttäuscht flieht Ezio nach Norditalien, wo er bei einem Bauern als Apfelpflücker Arbeit findet.

Fast hätte es mit der grossen Liebe schon früher geklappt

Die Erzählung lebt von kleinen Missverständnissen und Zufällen: Einen Moment hätte es nämlich noch gegeben, da hätte er noch alles umkehren können. Hätte er sich am Bahnsteig umgedreht, hätte er Giovannas Worte noch gehört und er hätte sie nicht verloren. «Bleib doch», hatte sie gesagt. Statt zu bleiben stieg Ezio in den Zug. Er konnte nicht anders.

All die Jahre konnte er sie nicht vergessen. Er ist schon 80 Jahre alt, als ihn der Brief von Giovanna erreicht: «Ich bin eine grauhaarige Frau und du bist wahrscheinlich langsam wie eine Schnecke. Mehr als 60 Jahre haben wir uns nicht gesehen. Ich weiss nicht, ob ich jeden Tag an dich gedacht habe, aber ich weiss, dass ich dich jeden Tag vermisst habe. Es tut mir leid Ezio, dass ich dich erst jetzt lieben kann.» Und sie will ihn sehen: «Komm zu mir.» Es ist die Aufforderung, die Chance auf eine grosse Liebe zu packen, mit 60 Jahren Verspätung.

Eine Novelle, die ans Herz geht

«Fünf Viertelstunden bis zum Meer» ist eine traurig schöne und trotzdem nicht allzu süsse Geschichte einer grossen unerfüllten Liebe. Sie rührt einen zu Tränen und segelt manchmal haarscharf am Kitsch vorbei. Aber das schmale Büchlein ist auch ein kleines Kunstwerk.

Der Holländer Ernest van der Kwast erzählt mit einer grossen Leichtigkeit, dicht und dramaturgisch geschickt. Er pendelt in die Vergangenheit, wieder zurück in die Gegenwart und wechselt die Schauplätze. Um die Leserin und den Leser mit mediterraner Sinnlichkeit zu verzaubern, braucht der in Südtirol lebende niederländische Autor mit indischen Wurzeln gerade mal 96 Seiten.

Buchhinweis

Ernest van der Kwast: «Fünf Viertelstunden bis zum Meer», Mare, 2015.
(Das Hörbuch liest Philipp Schepmann: Lübbe Audio, 2015)

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