Ein Linguist trauert um die vielen Sprachen, die sterben werden

In 100 Jahren wird die Hälfte der 6000 Sprachen dieser Welt verstummt sein. So die Prognose von Linguisten. Der renommierte australische Sprachwissenschaftler Nicholas Evans betrauert in seinem Buch «Wenn Sprachen sterben» das geistige Erbe, das der Menschheit damit verloren geht.

Gruppe von Andenbewohnern mit bunten Ponchos und Mützen bekleidet.

Bildlegende: Die Sprache der Aymara ist eine von 6000, die vom Aussterben bedroht ist. Reuters

Was Nicholas Evans mit seinem neuen Buch vorlegt, ist eine linguistische Trauerarbeit. Es ist die Verzweiflung über das rasante Sprachen-sterben, die den renommierten Experten für aussterbende Sprachen antreibt. Und es ist die Liebe zu jeder einzelnen, die ihm je zu Ohren gekommen ist.

Nicholas Evans nimmt uns mit auf eine Reise durch die bedrohten Sprachwelten dieser Erde. Klar, dass es da um weit mehr geht als um Grammatik und Vokabular. Evans legt mit vielen Beispielen dar, welche Geschichten Sprachen erzählen – über sich, ihre Sprecher und die Menschheit als Ganzes. Denn der Mensch bildet in der Sprache ab, wie er die Welt sieht. Gleichzeitig wirkt Sprache zurück auf jene, die sie sprechen. Sie formt das Denken und aktiviert Wahrnehmungsmuster. Sprachen geben vor, was man sagen kann und worüber man schweigen muss.

Jede Sprache hat ihre eigene Präzision

So präzisiert die nordkalifornische Pomo-Sprache durch unterschiedliche Verb-Vorsilben, welches die Informationsquelle ist für das Gesagte – z.B. für den Satz: Das Haus brennt. Hat der Sprecher am eigenen Leib erlebt, dass das Haus brennt, hat er lediglich gesehen, dass es brennt oder hat ihm jemand berichtet, dass es gebrannt hat? Je nach Nähe zum Ereignis gilt es eine andere Verbform zu wählen. Wer in dieser Sprache spricht, muss sich also immer im Klaren darüber sein, wie gesichert seine Aussage ist. Eine Präzision, wie sie den meisten Sprachen fehlt.

Gruppe von Navajo-Indianern

Bildlegende: Die Sprache der Navajos diente in Kriegszeiten als Code und wurde nicht geknackt. Reuters

Die Zukunft liegt hinter einem

Eigenartig fremd und faszinierend mutet auch die Art und Weise an, wie die Sprecher der Anden-Sprache Aymara Zukünftiges und Vergangenes in Worte fassen. Ihr zeitliches Orientierungssystem läuft dem unsrigen vollkommen zuwider. Sie verorten sich nämlich umgekehrt auf dem Strahl der Zeit. Dieser läuft von hinten nach vorne unter ihnen durch.

Folgerichtig stellen sie sich die Zukunft nicht vor ihnen vor, sondern hinter ihnen. Während sie vor sich die Vergangenheit erblicken. Denn man kann nur das vor Augen haben, was man schon gesehen hat nämlich die Vergangenheit. Dieser umgekehrte Zeitfluss offenbart sich auch in der Sprache der Aymara. Sprechen sie vom letzten Jahr, dann verwenden die den Ausdruck «das Jahr, das vorne liegt». Ein zukünftiger Tag hingegen – ist ein hinterer Tag.

Eine Sprache als Verschlüsselungscode

Was Menschen in Sprache fassen, ist für Evans ein Faszinosum. Ebenso wie sie es tun: «Andauernd stolpert man über unvorstellbare Sprachen, die man nie für möglich gehalten hätte» schreibt er. Sprachen etwa, die eine schwindelerregende Vielfalt an Lauten haben; wie etwa Taa, eine südwestafrikanische Sprache, die 160 Konsonanten kennt. Während es im Deutschen gerade einmal 20 gibt.

Oder die Sprache der Navajo-Indianer, die in vielerlei Weise so einzigartig und komplex ist, dass die von den Amerikanern im 2.Weltkrieg als Code verwendete Sprache, von den Japanern nie geknackt werden konnte. Die unbekannten Laute – z.B. eine ganze Reihe verschiedenster l-artiger Laute – waren für die japanischen Code-Knacker ein unbegreifliches, «fremdes Gurgeln». Die komplexe Grammatik und der hoch differenzierte Wortschatz machten das Verstehen nicht einfacher.

Nicholas Evans macht uns mit vielen spannenden Beispielen bekannt und er bereitet mit grosser Begeisterung auf, was die Sprachforschung über sterbende Sprachen weiss. Es schmerzt ihn, dass in den nächsten 100 Jahren etwa 3'000 Sprachen verschwinden werden und mit ihnen viel kulturelles Wissen. Wissen über Heilpflanzen, Häuserbau, Jagd- und Anbaumethoden etwa, das mit ganz spezifischen sprachlichen Wendungen und Ausdrücken festgehalten und weitergegeben wird. Evans emotionales Plädoyer, so viele Sprachen wie möglich zu dokumentieren, bevor sie verstummt sind, ist deshalb verständlich und gerechtfertigt.

Wie der Tod eines geliebten Menschen

Gruppe von Roma auf einer Landstrasse

Bildlegende: Die unfreiwillige gesellschaftliche Ausgrenzung der Roma ist ein Faktor, der verhindert, dass sich deren Sprache mischt. Reuters

Doch offenbart Evans bisweilen auch einen Hang zum Apokalyptischen: z.B. wenn er im Zusammenhang mit dem Sprachensterben vom drohenden Kollaps menschlicher Wissenssysteme spricht.

Da möchte man ihn fast trösten: Ja, es ist ein unwiderruflicher Verlust, wenn Sprachen verschwinden. Aber vielleicht ist das darin enthaltene Alltagswissen in der heute global vernetzten Gesellschaft ganz einfach nicht mehr nützlich.

Vielleicht ist der Wert gemeinsamer Sprachen heute viel wichtiger. Abgesehen davon ist die Tatsache, dass sich kleine Sprachen erhalten, nicht zwingend ein Ausdruck von Autonomie und Selbstbestimmung, sondern oft auch ein Symptom von unfreiwilliger Isolation.

Man denke etwa an das Romani, die Sprache der bis heute ausgegrenzten Roma. Vielleicht verhält es sich mit einer sterbenden Sprache ein bisschen so, wie mit dem Tod eines geliebten Menschen: Man kann sich nie wirklich damit abfinden, aber man ist glücklich, weil man ihn kennenlernen durfte.

Buchhinweis

Nicholas Evans: «Wenn Sprachen sterben – und was wir mit ihnen verlieren», Verlag C.H. Beck, 2014

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