Erich Kästner: «Die Stadt war gross und klein das Portemonnaie»

«Pünktchen und Anton», «Das doppelte Lottchen» oder «Emil und die Detektive»: Noch heute liest man Erich Kästners Kinderbuchklassiker gerne. Kästner war aber auch ein starker Lyriker und aufrüttelnder Chronist. Vor 40 Jahren starb der Autor, der Erwachsene und Kinder gleichermassen ernst nahm.

Poträtfoto von Erich Kästner, der direkt in die Kamera schaut. In seiner rechten Hand eine Zigarette.

Bildlegende: Erich Kästner für alle Lebenslagen: «Es gibt nichts Gutes, ausser man tut es.» Keystone

«An allem Unfug, der passiert, sind nicht etwa nur die schuld, die ihn tun, sondern auch die, die ihn nicht verhindern.» Dieser Satz aus dem «Fliegenden Klassenzimmer» hatte bereits zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung einen klaren Unterton. Denn das war 1933 – im Jahr, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen.

Erich Kästner (1899-1974) war Moralist, aber auch Humorist. Vielleicht kann man seine Moral deshalb so gut vertragen, weil sie mit dieser würzigen Kürze daherkommt: «Es gibt nichts Gutes, ausser man tut es.»

Die «Hausapotheke» hilft in schlaflosen Nächten

Der Dresdner Schriftsteller war nicht nur ein Kinderbuchautor, der seine jungen Leser ernst nahm. Er war auch ein ernstzunehmender Lyriker, Journalist und Chronist seiner Zeit. Das waren die 20er- und 30er-Jahre in Berlin und die Nachkriegsära in München. Immer war Kästner als Pazifist unterwegs – und nahm als einer der ersten an den Ostermärschen teil.

Seitdem ich die 16 Bände «Kästner für Erwachsene» besitze, hilft mir «Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke» über jede schlaflose Nacht. Grossstadtlyrik, Zeitungs- oder Gebrauchslyrik wird seine Poesie genannt. Und genau das beabsichtigte Kästner: Leicht verständlich sollte sie sein und erschwinglich für jedermann und jedefrau: «Die Stadt war gross und klein das Portemonnaie.» Viele seiner zeitlos menschlichen Gedichte verfasste er an den Bistrotischen im «Romanischen Café», wo sich die gesamte Berliner Lyriker-Boheme der Goldenen Zwanziger ihr Stelldichein gab.

Kitschfreie Sozialkritik

Weil sie leicht sind und doch immer exakt am Kitsch vorbeigehen, sind auch Kästners Komödien bis heute geniessbar: «Drei Männer im Schnee» oder «Der kleine Grenzverkehr» wurden – wie die Kinderbücher – mehrmals verfilmt.

Immer steckt auch Sozialkritik drin. Sei es die Familienproblematik mit Scheidungen und Alleinerziehenden, die Kästner als einer der wenigen auch im Kinderbuch thematisierte. Oder die Geldnot, die Kästner bereits aus seiner kleinstbürgerlichen Kindheit nur zu gut kannte: Sein Vater war Handwerker, die Mutter Zugehfrau. So musste er sich sein Studium selbst verdienen.

Unbekannte Werke aus der Nazizeit

Auch später musste er viel schuften und schreiben, um zu überleben. Auch unter den Nazis, die seine Bücher verbrannten – dann halt unter Pseudonym. Dass er so etwa das Drehbuch für den UFA-Erfolg «Baron Münchhausen» (mit Hans Albers in der Hauptrolle) verfasste, wissen bis heute nur wenige.

«Neues von gestern» – so titeln dann die gesammelten Kurzessays aus dem verlogenen Nachkriegsdeutschland und -Österreich, die mir zuletzt die Nacht vertrieben. Wie Kästner die Menschen durchschaute, ist bis heute brillant. Er sei allen Erwachsenen besonders empfohlen.

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