Gäziwil wird kriminell: eine vergnügliche berndeutsche Dorfposse

Ein Mord im Dorf. Doch wer hat den alten Ramseier umgebracht? «Tschüss zäme» von Achim Parterre ist Groteske und Krimi zugleich. Ein bodenständiges und witziges Leservergnügen.

Fenster und Geranien im Entlebuch.

Bildlegende: Der Enge im Dorf entkommt keiner, alle kennen sich und (fast) alle werden kriminell. Keystone

Der alte Ramseier wird am Samstagmorgen ermordet im Strassengraben aufgefunden. Noch am Abend zuvor sass er wie immer missmutig im Restaurant «Les Amis» und erzählte seine schaurigen Anekdoten von Unfällen und Verbrechen.

Im «Les Amis» bei Wirtin Marie-Claire kommen die Dorfbewohner von Gäziwil zusammen. Da ist Bernhard, der Arbeitslose, der mit einer Erpressung bei Dorfkönig Iseschmid eine Stelle als Weinverkäufer bekommen will: «Wii isch super! Wii isch staatlech bewiuigte Stoff. Big Business.» Da sind Liechti und Schärer von der Bauverwaltung, die auf dem Waldlehrpfad «e Hundehuuffe» finden. Einen Haufen, der die Politikerlaufbahn von Gemeinderätin Iseschmid nachhaltig schädigen könnte. Deshalb wird der Hundekot sichergestellt.

«Gärn, wie gäng.»

Auch den Dreck, den Grossrat Monbaron am Stecken hat, findet man auf unappetitliche Weise, nämlich in seinem «Ghüdersack». Derweil massiert Coiffeur Jean-Louis Frau Iseschmid heikle Informationen über ihren betrügerischen Mann aus dem Kopf: «Wösche, brösche, Frou Iseschmid? – Gärn, Herr Jean-Louis, wi gäng.»

«Tschüss zäme» ist eine Groteske, ein Krimi, der gar keiner ist: Wir haben zwar einen Mord, aber keinen Polizisten und keinen Kommissar. Thema ist die soziale Enge im Dorf, wo alle einander kennen und beobachten, wo (fast) alle kriminell werden, sei es für einen Grossratssitz, für ein bisschen Reichtum oder für einen geruhsamen Lebensabend auf den Kanarischen. Wer würde nicht gerne «Tschüss zäme!» sagen und vielleicht nie mehr zurückkehren? Am Ende profitieren alle. Nur der Tote und der Verurteilte nicht.

Zwischen Friedrich Dürrenmatt und Pedro Lenz

Achim Parterre vor einer Hauswand.

Bildlegende: Vertraut auf die Kraft des Wortes: Achim Parterre. Adrian Moser

Achim Parterre spielt in seiner Dorfposse mit Vertrautem: Hinter «Tschüss zäme» steht gross und schwer Dürrenmatts «Der Besuch der alten Dame». Allerdings kümmert sich Achim Parterre nicht wie Dürrenmatt um die moralische Frage, wie viel es braucht, bis brave Bürger kriminell werden.

Er führt uns in eine kleine Welt, wo der Eigennutz ebenso selbstverständlich ist wie der dörfliche Zusammenhalt, wenn es drauf ankommt. Jedem ist sein eigenes Hemd am nächsten. Dass dabei der eine oder andere über die Klinge springen muss, ist eine Art Naturgesetz: «Öpper hets eifach müesse mache. U drum wird gschwige», bringt es Marie-Claire auf den Punkt. Die schrägen Figuren in der Dorfbeiz, diese Randfiguren, Kleinbürger und Kleingeister geben eine überzeichnete Landbevölkerung, die stark an das Personal im Roman «Dr Goalie bin ig» des Berner Autors Pedro Lenz erinnnern.

Ein vielseitiger Wortkünstler

Aber Achim Parterre schreibt nicht ab. Seine Geschichte und vor allem seine Sprache sind eigenständig, witzig, grotesk. Ein Lesevergnügen, auch wenn man sonst keine Dialektliteratur liest. Achim Parterre legt seinen Figuren eine bodenständige Sprache voll von Redensarten und Alltagsfloskeln in den Mund.

Es ist, als würde man den Ramseier, den Jean-Louis, die Iseschmid und all die anderen nicht aus dem Klischeefundus kennen, sondern aus dem eigenen Wohnquartier. Das ist kein Wunder, denn Achim Parterre ist kein Neuling als Erzähler in der Schweizer Wortkünstlerszene. Es schreibt «Morgengeschichten» für Radio SRF 1, ist Teil des Spoken-Word-Trios «Die Gebirgspoeten» und des Duos «Spoken Wörgeli».

Preisträger und Leiter des Velokuriers

Für eines seiner Engagements – die Initiierung und Leitung der Hommage-CD «aber hütt» für den Mundartdichter Ernst Eggimann – hat Achim Parterre im Juni 2013 den «Prix Trouvaille» des Kantons Bern erhalten. Und nicht zuletzt leitet er den Velokurier in seinem Wohnort Langnau im Emmental – eine Arbeit, aus der ihm immer wieder die Inspiration für neue Geschichten zufliesst, wie er selber sagt.

In all seinen verschiedenen künstlerischen Tätigkeiten bleibt Achim Parterre stets überlegt und ruhig. Er spielt nicht den Zampano in seinen Programmen, sondern vertraut auf die Kraft des Wortes. Diese Ruhe strahlt er auch als Erzähler seines ersten Krimis aus. In Zusammenarbeit mit der Hörspiel-Abteilung von Radio SRF hat die «Schnabelweid»-Redaktion «Tschüss zäme» produziert, mit dem Autor als Erzähler (siehe Box).

«Tschüss zäme» Sommerlesungen

In Zusammenarbeit mit der Hörspiel-Abteilung von Radio SRF hat die «Schnabelweid»-Redaktion das Stück «Tschüss zäme» produziert – mit dem Autor als Erzähler. Es gibt sechs Folgen im Juli und August, Start ist am 18. Juli auf Radio SRF 1. Jeweils am Donnerstagabend um 21 Uhr ist die ganze Geschichte zu hören.

Buchhinweis

Achim Parterre: «Tschüss zäme! Ein Dorfkrimi». Cosmos-Verlag, 2013 (als Buch und als Hörbuch erhältlich).

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