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«Trubel mit Ted»: Kritik von Christian Gasser
Aus Kultur-Aktualität vom 17.05.2020.
abspielen. Laufzeit 03:35 Minuten.
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Graphic Novel «Trubel mit Ted» Emilie Gleason zeichnet den Alltag eines Asperger-Autisten

Inspiriert von ihrem Bruder schildert Emilie Gleason den Alltag eines Asperger-Autisten. Und zwar mit viel Humor, knalligen Farben und dynamischen Zeichnungen.

Für die meisten von uns ist eine Metro-Panne kein Drama; für Ted jedoch schon: Sein minutiös durchgetakteter Alltag gerät ins Stocken; er muss einen anderen Weg zu seinem Arbeitsplatz finden – und das löst viele kleine und grosse Katastrophen aus. Denn Ted leidet am Asperger-Syndrom, und ohne feste Abläufe und Rituale ist er verloren.

Ted sei sehr stark ihrem Bruder nachempfunden, betont Emilie Gleason. «Trubel mit Ted ist aber kein autobiografischer Comic, auch wenn die meisten Anekdoten wahr sind.»

Ein Ausschnitt aus dem Comic. Ein Mann will sich auf seinen Stammplatz im Restaurant setzen, aber er ist besetzt. Er rastet aus.
Legende: Asperger-Autisten verstehen unsere Welt und Normen nicht. Und wir verstehen sie nicht. Émilie Gleason / Edition Moderne

Sie habe die Geschichte in einer Zeit aufgezeichnet, als sich ihre Eltern ununterbrochen gestritten hätten. «Ich wollte sie mit einem Comic über die Schwierigkeiten, aber auch die schönen Seiten im Leben mit meinem Bruder zum Lachen bringen.»

Witz statt Kitsch

Emilie Gleasons Debüt «Trubel mit Ted» sorgte in Frankreich für grosses Aufsehen, heimste wichtige Preise ein und mauserte sich zum kleinen Bestseller. Das liegt nicht zuletzt an der ungewöhnlichen Weise, wie die 28-jährige Autorin die an sich tragische Geschichte ihres Bruders erzählt: Ohne Betroffenheit und Pathos, sondern mit viel Humor, Situationskomik, Schmiss und Tempo.

Eine junge Frau mit blonden, lockigen Haaren und rosa Jacke.
Legende: Emilie Gleason wurde 1992 in Mexiko geboren, hat in Strasbourg an der Kunsthochschule studiert und wohnt heute in Paris. Tim Douet

Ungewöhnlich ist auch die Perspektive, die Emilie Gleason gewählt hat: Sie beobachtet Ted nicht von aussen als betroffene Schwester, sondern versetzt sich in ihn und drückt sein Innenleben und seine ständige Überforderung in Bildern aus.

Gelenkig wie eine Trickfilmfigur

Ted ist lang und schlaksig, er scheint nur aus Beinen und Armen zu bestehen und bewegt sich im Comic denn auch mit der überdrehten Gelenkigkeit einer Zeichentrickfigur.

Die Zeichnungen sind knallbunt und stilisiert, die Erzählweise ist rasant – damit schafft Gleason einen geradezu elektrisch aufgeladenen Wirbel aus Anekdoten, Zwischenfällen, Missverständnissen und Abstürzen, die von Teds Unfähigkeit herrühren, mit anderen Menschen zu kommunizieren.

Emilie Gleason zeichnet mit grosser Genauigkeit und Ehrlichkeit das doppelte Unverständnis der Asperger-Autisten auf: Sie verstehen unsere Welt und unsere Normen nicht, und wir verstehen sie nicht. Dabei haben sie oft ungewöhnliche Begabungen und Fähigkeiten in speziellen Bereichen.

Auschnitt aus dem Comic
Legende: Das Zwischenmenschliche ist für Ted ein Rätsel – und führt ihn immer wieder in bizarre Situationen. Émilie Gleason / Edition Moderne

Als Bibliothekar ist Ted dank seines aussergewöhnlichen Gedächtnisses und Ordnungssinns phänomenal – ausserhalb der Bücherregale scheitert er jedoch an den kleinsten Herausforderungen. Vor allem das Zwischenmenschliche ist ihm ein tiefes Rätsel, und das führt ihn immer wieder in bizarre und unfreiwillig komische Situationen – nicht zuletzt in eine kuriose Liebesgeschichte mit einer alten Dame.

Bitterer Absturz

«Trubel mit Ted» ist allerdings kein Klamauk, und Ted wird nicht als Kuriosum vorgeführt. Gleason vermittelt eine tiefe Empathie für seine Schwierigkeiten. Auch die Dramaturgie der Geschichte ist raffiniert: Der Humor wird immer schwärzer, aus dem rasanten Trubel entwickelt sich ein Drama mit bitterem Ausgang.

Buchhinweis:

Emilie Gleason: Trubel mit Ted. Edition Moderne, 2020.

Auch das hat einen wahren Kern: Emilie Gleasons Bruder wurde erst als Fünfzehnjähriger als Asperger-Autist diagnostiziert und von verständnislosen Ärzten mit Medikamenten zerstört. Heute vegetiere er, so Gleason, wie ein Gemüse vor sich hin.

Für Emilie Gleason war die Arbeit an «Trubel mit Ted» eine kathartische Erfahrung. Sie habe gelernt, ihren Bruder zu verstehen.

Radio SRF 2 Kultur, Kultur Aktualität, 19.5.2020, 17.10 Uhr

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