Henning Mankell – seine Autobiografie ist sein Vermächtnis

In «Treibsand» sinniert Krimiautor Henning Mankell über sein Leben mit der Krankheit, die Angst vor dem Tod und sucht eine Antwort auf die Frage: «Was es heisst, ein Mensch zu sein.» Endlich haben wir die Chance, auch den Intellektuellen Mankell kennenzulernen, der bislang klar unterschätzt wurde.

Der Autor Henning Mankell auf einem Schwarz-weiss-Bild an einer Küste.

Bildlegende: Henning Mankell: Krimiautor, Intellektueller, Afrikakenner. Getty Images

Henning Mankell hatte schon längere Zeit an diesem letzten Buch gearbeitet. Kein Krimi sollte es werden und auch keine Geschichte aus Afrika. Sondern eine Sammlung von Erfahrungen, Erkenntnissen und Gedanken zur heutigen Gesellschaft. Dann kam am 8. Januar 2014 – völlig überraschend – die Diagnose Krebs.

«Eine Lebenskatastrophe» sagte Henning Mankell kurz vor seinem Tod am schwedischen Fernsehen. Die Diagnose habe die Voraussetzungen für sein Manuskript grundlegend geändert: «Deshalb handelt dieses neue Buch auch teilweise von meiner Krebskrankheit – und von der Wegscheide, die eine solche Krankheit mit sich bringt.»

Auch Zuversicht und Lebensfreude

Offen und ehrlich schreibt Henning Mankell über seine Ängste und Verzweiflungen, und lässt dabei immer wieder auch Zuversicht und Lebensfreude durchscheinen. Aber «Treibsand» ist weit mehr als eine Auseinandersetzung mit der lebensbedrohenden Krankheit: Mankell blickt darin auch sehr persönlich auf sein Leben zurück; nicht chronologisch, sondern aufgehängt an einschneidenden Erlebnissen und Begegnungen.

Von der Mutter verlassen

Die Schilderungen aus seiner Kindheit und Jugend gehören zu den berührendsten Passagen im Buch. Die Mutter ging von der Familie weg, als Henning Mankell noch ein Säugling war.

«Von seiner Mutter sitzengelassen zu werden, ist sicher das Schwerste, was einem Kind zustossen kann. Jemand, der weniger dickhäutig gewesen wäre als ich, hätte vielleicht die Schuld bei sich selbst gesucht und gedacht, er tauge nichts.» Er habe das zum Glück nicht getan, schreibt Henning Mankell.

Sein Vater war Richter gewesen und hatte mit seiner Arbeit den späteren Kriminalschrifsteller geprägt. Regelmässig hörte der kleine Junge heimlich bei den Verhandlungen zu: «Die einfache Lehre für ein Kind, das als Zuhörer in einem Gerichtssaal sass, war die, dass es Konsequenzen hatte, wenn man ein Verbrechen beging.»

Gedanken über existenzielle Fragen

Wir lernen Henning Mankell in «Treibsand» auch als sehr gebildeten, scharfsinnigen Denker kennen, der sich kritisch mit unserer Gesellschaft auseinandersetzt. Das Thema der Atommüll-Entsorgung zum Beispiel hat ihn offensichtlich umgetrieben. Genauso wie der Graben zwischen der Ersten und der Dritten Welt.

Der Schriftsteller macht sich viele Überlegungen zu existentiellen Fragen und gibt zu, «dass mich der Gedanke stört, ich könnte in einigen Jahren vollkommen vergessen sein.» An ein Leben nach dem Tod hat Henning Mankell nicht geglaubt: «Hier und jetzt, mehr ist es nicht. Darin liegt auch das Einzigartige unseres Lebens, das Wunderbare».

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Zum Tode von Henning Mankell

1:17 min, aus Kulturplatz vom 7.10.2015

Er bleibt unvergessen

Jetzt ist sein einzigartiges Leben zu Ende gegangen. Mit diesem Buch hat er uns ein grossartiges Geschenk hinterlassen. Es erinnert nochmals an all seine Rollen, die er innehatte: der begnadete Geschichtenerzähler, der besorgte Mahner, der engagierte Zeitgenosse, der grosse Menschenfreund und der unermüdliche Lebensbejaher.

Und seine Bedenken waren sicher unbegründet: Henning Mankell wird nicht «in einigen Jahren vollkommen vergessen sein.»

Buchhinweis

Henning Mankell «Treibsand – Was es heisst, ein Mensch zu sein», Paul Zsolnay Verlag, 2015.

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