«In Afrika bin ich so weiss, wie ich hier schwarz bin»

Seit einem Jahr leitet Yeboaa Ofosu die Literaturförderung des Migros-Kulturprozent. Die Tochter einer Schweizerin und eines Ghanaers hat sich beruflich auf Schweizer Literatur spezialisiert, privat bereist sie seit Jahren Afrika. So erforscht sie ihre Identität – ihre Erlebnisse sind zweischneidig.

Yeboaa Ofosu sitzt mit gefalteten Händen auf einem Stuhl.

Bildlegende: Yeboaa Ofosu, die neue Leiterin der Literaturförderung des Migros-Kulturprozent, ist auf zwei Kontinenten zuhause. Gian Losinger

Man erzählt ihr noch heute, wie sie im Sommer 1967 als erstes «farbiges» Baby des St.-Anna-Spitals in Luzern zur Welt kam. Yeboaa Ofosus Biografie ist voll von solchen Erzählungen. Das Erzählen ist ihr wichtig. Vielleicht ist sie deshalb Literaturexpertin geworden.

Allerdings erzählt sie selbst, wenn sie von einer ihrer Afrikareisen zurückkommt, praktisch nichts über ihre Erlebnisse: «Weil es ohnehin niemand versteht, der nie einen Fuss auf den Kontinent gesetzt hat.»

So fremd also erscheint der «Mischlingsfrau» – so nennt sie sich selbst – Afrika, das sie seit fast 30 Jahren kennt. Ein Dutzend Länder hat sie in dieser Zeit bereist, meistens alleine und meistens ohne festes Ziel. Ghana kennt sie bisher am besten. In Benin ist sie am liebsten, weil es an der Westküste das Land sei, das am besten funktioniere: «Wenn steht, die Bar öffne um zehn Uhr, ist sie um halb elf auch offen.»

Jede Menge Tanten und Cousins

Yeboaa Ofosu war 19, als sie zum ersten Mal in die Heimat ihres Vaters reiste und auf einen Schlag jede Menge Tanten und Cousins kennenlernte – ghanaische Familienmitglieder, von denen sie bisher nur gehört hatte. «Die einen sahen in mir den Erfolg meines Vaters», sagt Yeboaa Ofosu, «er hatte es geschafft, in Europa eine Familie zu gründen.» Sie galt als die wunderschöne, weisse Schwester. Yeboaa Ofosu hörte aber auch Sätze wie: «Schön, dass du dich als Weisse für uns hier in Afrika interessierst.»

Ihr Fazit war damals wie heute so einleuchtend wie verstörend: Sie sei in Afrika genauso weiss, wie sie in der Schweiz schwarz sei. Lachend fügt sie hinzu: «Ich habe Ghana erobert.» Sie musste sich ihren Zugang zu Afrika über Jahre hinweg erarbeiten. Bisweilen bedauert sie es, dass sie die Heimat ihres Vaters nicht schon als Kind kennengelernt hatte.

Klischees entlarven

Wer sich mit Yeboaa Ofosu über Zugehörigkeit und Identität unterhält, hinterfragt automatisch die eigenen Afrika-Bilder. «Es gibt so viele Klischees über Afrika», sagt Yeboaa Ofosu. Zum Beispiel, dass der Familienzusammenhalt sehr gross, und dass es immer und überall heiss sei. Dabei ist der zweitgrösste Erdteil mit über einer Milliarde Einwohnern nicht nur klimatisch, sondern auf geografisch und politisch heterogen.

Yeboaa Ofosu hat vor allem Westafrika bereist, mit Abstechern nach Äthiopien, Ruanda und Uganda. Sie geht instinktiv vor, wenn sie unterwegs ist. Sie fühle sich sicher beim Reisen, als Frau sogar sehr sicher, sagt die Bernerin. Als Fahrgast in einem Buschtaxi oder in grossen Bussen begibt sie sich, wie alle anderen Fahrgäste auch «in Gottes Hand». Mit solchen Slogans sind öffentliche Verkehrsmittel in Afrika ja auch tatsächlich angeschrieben.

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