In Silvio Blatters Roman beginnt die Zukunft mit Mitte 60

Der 69-jährige Schriftsteller Silvio Blatter lebt nach dem Motto: Die beste Zeit ist jetzt. Deshalb lässt er auch seine beiden älteren Romanfiguren nochmals etwas Neues beginnen. Doch Loslassen und Neuanfangen ist für die Radiomoderatorin Isa und den Bildhauer Severin nicht nur einfach.

Ein älteres Paar sitzt auf einer Bank und schaut auf den See.

Bildlegende: Heitere Gelassenheit im Alter. Silvio Blatters Roman interessiert sich mehr für das Jetzt als das Gestern. Keystone

Severin und Isa sind kein symbiotisches Paar. Sie haben unterschiedliche Interessen und tun das, was sie lieben. Er ist Bildhauer und schneidet mit einer Kettensäge Figuren aus Baumstämmen. Sie ist erfolgreiche Moderatorin bei einem Kulturradio.

Ihre Schlafzimmer sind getrennt. Er steht früh auf, sie geht spät ins Bett. Severin sagt über seine Ehe: «Wir sind nie ganz auseinandergedriftet und als Paar durchs Leben geschlingert.»

Mitte 60 stehen beide vor einer Wende. Severin muss sein Atelier in einer stillgelegten Kiesgrube räumen. Isa wird pensioniert und gibt ihren geliebten Job an eine Jüngere weiter. Die beide entschliessen sich in der Folge zu einem radikalen Schritt. Die neuen Lebenspläne der Alt-Achtundsechziger sind dann aber so unkonventionell, dass deren erwachsene Kinder misstrauisch reagieren.

Couragierte Eltern, zaghafte Kinder

Der Schriftsteller Silvio Blatter

Bildlegende: Der Mensch und der Schriftsteller Blatter interessiert sich für die Gegenwart, weniger für die Vergangenheit. Petra Amerell

Tochter Sandra und Sohn Matthias, beide auch schon nicht mehr ganz jung, können ihre Eltern nicht verstehen. Sie werfen ihnen vor, alles aufs Spiel zu setzen und viel zu verlieren. Severin lacht nur: «Wenn ich alles gründlich durchdacht hätte, dann würde ich es bestimmt nicht tun.» Isa lästert: «Die Jüngeren wägen ab. Sie haben den Beipackzettel mit den Nebenwirkungen gelesen.» Sie glaubt zu spüren, wie es den Kindern nicht ganz geheuer ist, dass ihre Eltern schon ein Leben vor ihnen hatten.

Silvio Blatter wehrt sich gegen den Vorwurf, seine jüngeren Romanfiguren seien bieder und langweilig. Die Werte hätten sich geändert und die heute mittlere Generation sei in einer ganz anderen Zeit erwachsen geworden, mit Zukunftsängsten und unsicheren Jobs. Und nicht in einer Zeit des Aufbruchs und der vielen Möglichkeiten wie ihre Eltern.

Altwerden ist nicht lustig

Auch wenn es nicht danach aussieht: Severin und Isa haben ebenfalls Mühe mit dem Älterwerden und Loslassen. Und das sei bei ihm nicht anders, sagt der Aargauer Schriftsteller Silvio Blatter. Wenn er in den Spiegel schaue, müsse er sein Bild von sich immer wieder korrigieren. Das sei eine grosse Aufgabe, die man bewältigen müsse.

Silvio Blatter interessiert sich als Mensch und Schriftsteller hauptsächlich für die Gegenwart und nicht für die Vergangenheit. Der Augenblick sei grösser und wichtiger geworden. Angesprochen auf den Titel seines Romans «Wir zählen unsere Tage nicht», erklärt er es mit den Worten seiner Protagonistin Isa: Das Leben dauert nicht mehr so lange und wenn man diese Gemeinheit aushält, sollte man die Tage nicht zählen, sondern nutzen.

Ein Roman über das Leben und was man daraus macht

Silvio Blatter ist ein gutes Porträt zweier Generationen gelungen. Die Geschichte ist glaubhaft, er selber ist unparteiisch und von allen Figuren gleich weit entfernt. Leser und Leserinnen erfahren manches übers Älterwerden oder ganz einfach über das Leben und was es für uns bereithält.

Schöne Sätze kann man auch sammlen in Blatters Roman. Zum Beispiel diesen: «Ein Tag, an dem die Zeit sie wie mit schwarzen Flügeln streifte». Oder diese Szene, als Isa Severins lebensgrosse Holzskulpturen kritisiert, die ihren Garten bevölkern: «Eine Heerschar von Nichtsnutzen. Sie scheinen vergessen zu haben, worauf sie warten und vertreiben nicht mal diebische Kinder, die Kirschen stehlen.» Severin: «Ist doch herrlich. Sie tun nichts und haben vor nichts Angst. Sie stehen einfach da, ohne den Wunsch nützlich zu sein.»

Das ist heitere Gelassenheit. Wie sie Silvio Blatter selber auch ausstrahlt.

Buchhinweis

Silvio Blatter: «Wir zählen unsere Tage nicht», Piper 2015.

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