Israels Starautor Etgar Keret schreibt um sein Leben

Im neuen Band ist der israelische Starautor Etgar Keret weniger brutal, aber weiterhin ganz eigen, skurril und intensiv. «Plötzlich klopft es an der Tür» - spannend, aber vollends anders, als man denkt.

Portrait von Etgar Keret, er hält sich sein linkes Auge zu

Bildlegende: Er ist nicht blind auf einem Auge, er tut nur so: der israelische Autor Etgar Keret Yanai Yechiel (cc by-sa)

«Plötzlich klopft es an der Tür» - das sind die Geschichten eines Ich-Erzählers. Ein bärtiger Schwede hält diesem eine Pistole vors Gesicht und fordert eine Geschichte! Schreiben in gewalttätigem Umfeld, ohne dabei Humor und Liebe zu verlieren, das gibt das Tempo für die nun folgenden 38 Stories vor - und die Probleme:

« Es ist schwierig eine Geschichte zu erfinden, wenn Dir jemand die Mündung einer geladenen Pistole auf den Kopf zielt. Aber der Kerl bleibt stur. In diesem Staat, erklärt er, musst du, wenn du was willst, es mit Gewalt einfordern. »
Keret beobachtet sich selber in Miniatur unter einem Wasserglas.

Bildlegende: Schreiben Sie mal um ihr Leben! Die Situationen in die sich Keret als Autor selber bringt, sind umwerfend. Anna Kaim (cc by-sa)

Der Autor Etgar Keret, ein Hausbesitzer

Doch wer ist dieser Etgar Keret, der Ich-Autor? Etgar Keret (45) hat sich vom polnischen Architekten Jakub Szczęsny das schmalste Haus der Welt in Warschau bauen lassen. Warschau ist die Heimat seiner Mutter, die Ghetto und Holocaust überlebte und nach Israel einwanderte. Das schmalste Haus der Welt ist keine Fiktion, sondern zwischen einem und anderthalb Metern breit.

Es füllt eine Häuserlücke und ist mehr ein architektonischer Protest gegen urbane Platzverschwendung als denn ein echtes Haus: An seiner breitesten Stelle bietet es gerade mal Platz für Kerets Doppelbett. Das absurde Bauprojekt könnte aus einer der meist ins Surreale driftenden Geschichten Kerets stammen, aber da steht es nun wirklich, an der Chlodna-Strasse in Warschau.

Etgar Keret, der viel Gelesene

Keret wird auch in Polen gelesen, seine Kurzgeschichten sind in neun Sprachen übersetzt. In Israel ist er einer der prominentesten Autoren, der durch Film- und Fernsehdrehbücher bekannt wurde. Zusammen mit seiner Ehefrau Shira Geffen realisierte er den preisgekrönten, melancholischen Film «Jelly-Fish – Medusot». Aber auch als Autor von Graphic Novels hat er ein Publikum. Seine Kurzgeschichten sind seit den 90ern auf den israelischen Bestseller-Listen und machen den grossen Alten der neuhebräischen Literatur wie Amos Oz und David Grossmann Konkurrenz.

Keret, der Sprach-Zerfledderer

Kerets Sprache wirkt zunächst grob, weil sie viel Slang, Umgangssprache, Englisch und Arabisch enthält. Das sind alles Dinge, die die Akademie für die hebräische Sprache in Jerusalem gar nicht gern mag! Keret lebt und beschreibt aber das schnelle Leben im kosmopolitischen Tel Aviv. So zerstört er mitunter das Hebräische und zeigt dadurch, wie verletzt die Menschen sind, die diese Sprache sprechen. Die Gewalt ist für ihn so alltäglich und monströs, dass sie die Moral und Seelen der Israelis längst mit beschädigt hat.

Albtraum und Wirklichkeit

Keret beschreibt Albträume, die sich als Realität entpuppen, und Realitäten, aus denen es «albtraumatisch» kein Entrinnen zu geben scheint.  So läuft es beispielsweise in seiner Geschichte von den Lügnerinnen und Lügnern, die ihrem erfundenen kranken Onkel, dem malträtierten Hund oder der erlogenen, gestorbenen Oma «tatsächlich» begegnen, - was wäre, wenn alles, was Du lügst, wirklich eintrifft: - die Hölle!

Bei Kerets Kurzgeschichten weiss man nie, was Traumbild und was beschriebene Realität ist, - schliesslich spielt ja das Meiste in Israel, ein verrückter Staat, ein «dadaistischer Staat», wie Künstler aus dem Norden Israels sagen. Vieles ist hier bizarr, neurotisch, gewalttätig, zart, liebevoll, durchgedreht, kreativ, explosiv, sonnig, schwul oder fundamentalistisch, und die liberale Linke sitzt in Tel Aviv und schüttelt den Kopf. All das spiegelt sich in Kerets absonderlichen Geschichten. Als liberaler Linker outet er sich selbst dann auch in der letzten Geschichte dieses Erzählbandes «Welches Tier bist Du?».

Keret, der Familienmensch

Etgar Keret ist auch Vater! Sein Sohn tritt gleich in mehreren seiner neuesten Kurzgeschichten auf. «Lev» heisst Kerets Sohn, und Lev heisst zu Deutsch «Herz». - Die tiefe Liebe zu seinem Sohn ist auch sofort am Klangwechsel seiner ansonsten oft brachialen Sprache zu spüren. Die letzte Kurzgeschichte scheint gar 1 zu 1 vom Künstlerzuhause der jungen Familie zu erzählen. Kerets Frau Shira Geffen ist ja auch höchst produktiv als Regisseurin, Schauspielerin, Autorin unterwegs. –

Sicher, auch im neuen Erzählband Kerets spielen Handfeuerwaffen, Faustschläge, Zoten, Machospielchen und andere unschöne Dinge tragende Rollen, aber er scheint mir doch etwas sanfter geworden zu sein, - Kerets «Herz» schlägt so deutlich für seine Familie, und Familie bedeutet ja automatisch auch Hoffnung auf/und Zukunft. Ob er diese weiter in Tel Aviv oder auf den 14,5 Quadratmetern in seinem neuen Haus in Warschau gestalten will, bleibt abzuwarten.

38 Kurzgeschichten

Etgar Keret, «Plötzlich klopft es an der Tür», Stories,  Aus dem Hebräischen von Barbara Linner, S. Fischer Verlag 2012.

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