«Jedem Tod haftet immer auch etwas Positives an»

Mord, Sterbehilfe, Suizid: Der Österreicher Hans Platzgumer erzählt in seinem neuen Roman von einem Mann, der dem Tod in allen erdenklichen Varianten begegnet – und darum umso mehr über den Sinn des Lebens nachdenkt. «Am Rand» überzeugt durch geschickte Komposition und bildstarke Sprache.

Ein Felsen, darauf eine Reihe von Menschen, die alle nacheinander den Absprung wagen.

Bildlegende: Der letzte Schritt: Wozu ist man fähig in der Überzeugung, das Richtige zu tun? Getty Images

Hans Platzgumer, in Ihrem kurzen Roman «Am Rand» lassen Sie insgesamt zehn Figuren sterben. Was fasziniert Sie am Tod?

Die Themen Sterben und Tod ziehen sich fast durch mein ganzes bisheriges Werk – auch durch «Am Rand». Die Hauptfigur Gerold Ebner sitzt, wie es der Titel sagt, am Rand eines Felsens zuoberst auf einem Berg. Dort schreibt er sein Leben nieder. Ein Anflug von Schwindel würde genügen, und er stürzte in die Tiefe. Ebner befindet sich in einer Grauzone zwischen Leben und Tod – eine existenzielle Grenzerfahrung, die ich selbst auch schon gemacht habe, die mich fasziniert und mich zum Schreiben dieses Romans inspirierte.

Was interessiert Sie konkret an dieser Grenzerfahrung?

Es sind die Grundfragen des Lebens, die mich anziehen, und die sich in der Grenzerfahrung oben auf der Klippe ganz besonders akzentuiert stellen. Was bringt jemanden dazu, zuoberst auf einen Berg zu steigen, ohne zu wissen, ob man noch leben oder lieber sterben möchte? Was sind Alternativen zum finalen Sprung? Was war und was ist der Sinn meines Daseins?

Ihr Roman erzählt von unterschiedlichen Formen des Sterbens – vom natürlichen Alterstod, vom Unfalltod, von Mord, Sterbehilfe und Suizid. Was haben die unterschiedlichen Tode gemeinsam?

Das Verrückte ist, dass all den Todesfällen – neben der Tragik für die Hinterbliebenen – immer auch etwas Positives anhaftet: Durch das Ableben des jeweiligen Menschen löst sich eine unlösbare Situation auf. Alle beschriebenen Tode beinhalten positive Konsequenzen. Aber natürlich stellt sich sofort die Anschlussfrage: Weshalb musste es soweit kommen? Was ist im Leben falsch gelaufen, dass erst der Tod eine Lösung bringt?

Können Sie das noch etwas ausführen, zum Beispiel am Mord, den Gerold Ebner an seinem Grossvater begeht, weil er dessen Tyrannei gegenüber der Mutter nicht mehr aushält?

Der Tyrannenmord beseitigt das Problem, das in der Familie besteht. Tatsächlich trauert diesem Grossvater wohl niemand nach. Doch kann das Legitimation genug sein für eine solche Tat?

Zu bedenken ist, dass der Mord nur möglich war, weil er lange vorbereitet wurde: durch das gewaltbereite und sozial benachteiligte Umfeld, in dem der Protagonist aufwuchs. Insofern ist auch Rache ein Motiv für den Mord, nicht nur der offensichtliche Beschützerinstinkt gegenüber der Mutter. Hinzu kommt, dass Gerold Ebner von klein an lernte, dass Gewalt Probleme schnell lösen kann. Als die Situation in seinen Augen genau dies erfordert, kennt er keine Skrupel und tötet.

Dadurch sinkt Ebners Hemmschwelle, erneut zu töten: Nachdem sich sein bester Freund irreversibel verletzt hat, scheint Gerold Ebner keine Mühe damit zu haben, den Kranken zu erlösen; er erstickt ihn.

In der Tat wäre es ihm ohne den ersten Mord kaum möglich gewesen, mit dieser grossen Leichtigkeit, wie er sie an den Tag legt, aktive Sterbehilfe zu leisten – so sehr sein Freund auch gelitten hat.

Kann man töten, ohne danach Schuldgefühle zu haben?

Nur auf den ersten Blick. In meinem Roman versuche ich zu zeigen, dass die Schuld oder zumindest die Mitschuld an all den Todesfällen in Gerold Ebner rumort und ihn nicht ruhen lässt. Es ist diese Unruhe, die ihn schliesslich auf einen einsamen Berg treibt. Dort versucht er, sich seine Taten und Erlebnisse von der Seele zu schreiben.

Um am Ende festzustellen, dass ihn auch das Schreiben nicht heilen kann – und er zum finalen Sprung in die Tiefe ansetzt?

Da bin ich mir nicht so sicher. Natürlich deutet vieles im Roman darauf hin, dass Gerold Ebner am Ende den Freitod wählt. Aber ich zeige ihn nicht. Vielleicht besinnt sich der Mann im letzten Moment ja doch noch anders, und er sucht den Weg zurück ins Leben. Das zu entscheiden, überlasse ich den Leserinnen und Lesern.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Nachrichten, 4.3.16, 8:20 Uhr

Zur Person

Ein Mann mit kurzem Haar und ernstem Blick.

Richard Schwarz

Hans Platzgumer, geboren 1969 in Innsbruck, ist nicht nur Autor, sondern auch Theaterkomponist und profilierter Vertreter der elektronischen Musikszene. Seit 1987 veröffentlichte er über 60 Alben, 5 Romane, eine Novelle, Essays und 2 Opern.

Buchhinweis

Hans Platzgumer: «Am Rand». Paul Zsolnay Verlag, 2016.