Max Küng in seinem ersten Roman: Man erkennt ihn, und doch nicht

Als Reporter und Kolumnist hat er sich längst einen Namen gemacht. Jetzt hat Max Küng seinen ersten Roman geschrieben: eine Beziehungsgeschichte, die «grösstenteils» seine eigene sei. Als Leser erkennt man Küngs Ton wieder. Trotzdem ist in der langen Strecke alles anders als in der Kolumne.

Max Küng, mit Brille und Bart, vor den Bögen des Viaduktes in Zürich stehend, zur Seite blickend.

Bildlegende: Max Küng blickt in «Wir kennen uns doch kaum» auf seine eigene Geschichte, zumindest grösstenteils, wie er sagt. Keystone

Am Schluss gibt es ein Treffen in Berlin. Ein Hotel am Alexanderplatz, Zimmer 2307, mit Blick auf den Fernsehturm. Moritz und Meta treffen sich dort. Er öffnet die Tür, sie kommt herein, Abblende.

Max Küng erzählt, was vorher geschah: Der Journalist Moritz bricht im April 2001 auf zu einer Reise nach Berlin, um eine Rockband zu interviewen und eine Frau zu treffen. Das Interview für die Schweizer Zeitung ist der Anlass. Das Ziel des Fluges ist das Date im Hotel.

Chat-Roman

Denn er will die Frau treffen, die er seit einem Jahr kennt, ohne sie je gesehen zu haben. Fast tausend Mails und SMS haben die beiden in dieser Zeit gewechselt und so schon ziemlich viel gesagt und geschrieben, was sich schreiben und sagen lässt. Nur begegnet sind sich Moritz und Meta bisher noch nie.

Max Küng zitiert lange Passagen aus dem Schriftverkehr und den Chats seiner Protagonisten und er berichtet ausführlich aus ihren Milieus. Aus der Szene in Basel und der in Berlin, von Barbesuchen und Vernissagen, von Grafikern und DJs, Architekten und Galeristen. Denn Meta ist Künstlerin. Sie hat ein Atelier im Osten der deutschen Hauptstadt, ein Stipendium und zwei Männer, als sie Moritz zu schreiben beginnt: Georg, den Lebenspartner, und Paul, die Affäre.

Alles nur Meta?

Was noch? Orte, Markennamen, Stilfragen vielleicht. Kleiderordnungen in Musik oder anderen Dingen, die das Hin und Her des Geschehens voranbringen. Von Gruftis und Poppern ist die Rede, von Meditationscamps und Bongofrauen. Von diesem und jenem, in Berlin und Basel. Von dieser Zeit und von früheren Zeiten.

Meta ist die Kurzform von Margarethe, erfahren wir, weil Moritz gern im Grossen Brockhaus blättert und im Band vierzehn seine Partnerin Erwähnung findet. Stichwort: Meta. Am Schluss steht alles auf Anfang. Am Schluss gibt es das Treffen im Hotel und es beginnt aufs Neue.

Oder nicht? Ist alles Ironie in diesem Buch? Ist das alles Parlando, alles nur Spiel und Zitat? Alles Metaebene, alles Pop am Ende? Man kommt langsam darauf, beim Lesen und Weiterlesen – und man ist irritiert. Kann das sein? Alles nur Meta?

Im Roman ist alles anders

Nein, das kann es nicht. Denn dieser Roman ist eine Autobiografie. Der Autor spricht davon, dass alles wahr sei, «grösstenteils», und er schreibt es, vor zwei Jahren, im Magazin der Süddeutschen Zeitung. Zilla und Max heissen die Hauptfiguren in diesem kurzen Text. Und so sei es gewesen. Tatsächlich, vor vierzehn Jahren: «Heute haben die beiden zwei Kinder und sie sind glücklich. Der Mann bin ich. Die Frau ist meine Frau.»

Max Küng ist bekannt als Reporter und Kolumnist. Man kennt seinen Ton aus den Zeitungstexten und Internet-Kolumnen. In seinem ersten Roman ist er sich selbst ein Thema. Den Sound erkennt man wieder, aber im Roman ist alles anders. Die lange Strecke ist seine Sache nicht. Leider.

Buchhinweis

Max Küng: «Wir kennen uns doch kaum», Rowohlt, 2015.

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