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«Mein Alphabet» von Ilma Rakusa
Aus Kultur-Aktualität vom 29.10.2019.
abspielen. Laufzeit 03:41 Minuten.
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«Mein Alphabet» Von A wie Achselzucken bis Z wie Zärtlichkeit

Die Schweizer Autorin Ilma Rakusa hat mit «Mein Alphabet» eine autobiografische Textsammlung herausgebracht – und überzeugt damit nicht ganz.

Welchen Literaturpreis hat die in Zürich lebende Ilma Rakusa für ihre Gedichte, poetischen Prosatexte und Erzählungen nicht schon gewonnen: Schillerpreis, Schweizer Buchpreis, demnächst erhält sie den renommierten Kleist-Preis.

In ihrem aktuellen Werk «Mein Alphabet» hat sich die erfolgreiche Autorin die reizvolle Aufgabe gestellt, mit gut hundert kurzen Prosa-Betrachtungen und Gedichten zu alphabetisch geordneten Stichworten Einblick zu geben in ihr Leben und Schaffen.

Buchhinweis

Ilma Rakusa. Mein Alphabet. Droschl 2019.

Die Sprache im Zentrum

«Um leben zu können, muss man sich die Welt erzählen (lassen)», heisst es an einer Stelle des autobiografischen Buchs. Ilma Rakusa drückt damit so etwas wie ihr eigenes Lebensmotto aus. Der Schatz, den die Sprache bietet, und der sorgfältige Umgang damit, stehen für die Autorin seit jeher im Zentrum ihres Schaffens.

Beim Buchstaben P ihres Alphabets schreibt sie unter dem Stichwort «Poetik» denn auch, sie arbeite mit Vorliebe an und mit «einer poetischen Sprache, die unabgenutzt, frisch, lakonisch und musikalisch klingen soll». Lieber stelle sie Fragen, als sich allwissend aufzuspielen.

Neben der Sprache räsoniert die 73-jährige Autorin über alle möglichen weiteren Aspekte ihres Lebens. Es geht um so Unterschiedliches wie Einsamkeit oder Migräne, um Zärtlichkeit, Wolken, Alter oder Kindheit. Nicht alle Texte sind gleich gut gelungen.

Ilma Rakusa

Ilma Rakusa
Legende:SRF / Lukas Maeder

Mehr zu lesen und zu hören über Ilma Rakusa gibt's auf der SRF-Literaturplattform «Ansichten».

Die Untiefen der Erinnerungen

Höhepunkte bilden sprachlich präzise Ausführungen. So wie beispielsweise diejenigen unter E wie «Erinnerung», wo Ilma Rakusa die Zuverlässigkeit des Gedächtnisses in Frage stellt.

«Immer wieder habe ich mich gefragt, ob meine Erinnerungen an Triest von damals stammten oder aus späteren Erzählungen meiner Mutter. Vielleicht sind sie das Ergebnis einer Doppelbelichtung? Wie auch immer, irgendwann setzt sich eine Version fest, behauptet sich als authentisch und wahr. Wobei es sich um eine sehr subjektive Wahrheit handelt.» Derartiges liest man mit Genuss.

Einblicke aus der Nähe

Die Autorin, die sich auch als Literaturübersetzerin und als Essayistin einen Namen gemacht hat, gewährt in diesem Buch ungewöhnlich persönliche, ja intime Einblicke in ihr Leben. Ihre osteuropäischen Wurzeln werden ebenso thematisiert wie ihre Freundschaften zu anderen Literatinnen und Literaten.

Gelegentlich ist jedoch der Nähe zu viel. Etwa wenn sie berichtet, dass sie sich zum Frühstück täglich Naturjoghurt gönne und dazu eine halbe Banane, dass sie im Gegenzug aber keine Milch trinke. Wer genau möchte dies wissen?

Fehlender Nachhall

Auch fehlt es manchen Texten an jener poetischen Dichte, die Ilma Rakusa in anderen Werken wie etwa in ihrem Erinnerungsbuch «Mehr Meer» so trefflich beherrscht.

So heisst es beispielsweise beim Buchstaben Z unter dem Stichwort «Zufall», dass wir Menschen zwar nach Selbstbestimmung strebten, «doch wird uns oft ein Strich durch die Rechnung gemacht, oder der Zufall kreuzt unsere Pläne. Das kann negativ, aber auch positiv sein. Feststeht: wir sind nicht immer Herr im eigenen Haus.»

Es ist eine uralte Binsenwahrheit, um die es hier geht. Und sie wird überaus nüchtern und trocken dargeboten, lehrbuchhaft – ohne literarische Kraft. Da hallt nichts nach. Es bleibt Achselzucken.

Nach der Lektüre von Passagen wie dieser entsteht der Eindruck, dass «Mein Alphabet» kaum Ilma Rakusas stärkstes Werk ist – auch wenn es der interessierten Leserschaft zweifelsohne manche wertvolle Einsicht vermittelt zum Denken und zum Werdegang dieser faszinierenden Autorin.

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