Michail Lermontow: Das Genie im Schatten der Grossen

Vor 200 Jahren wurde der russische Dichter Michail Lermontow geboren. Im Westen ist er weniger bekannt als etwa Dostojewski, Tolstoj oder Tschechow. Zu Unrecht: Mit seiner Lyrik und seinem einzigen Roman schrieb Lermontow Literaturgeschichte.

Michail Lermontov, gemalt von Pyotr Zabolotsky, 1837.

Bildlegende: Michail Lermontow, gemalt von Pyotr Zabolotsky, 1837. wikimedia

«Nicht für den Himmel auserkoren hat mich der Schöpfer; nein, um Leid und Qual zu sehn bin ich geboren», schreibt Michail Lermontow 1831 in einem seiner zahlreichen Gedichte. Auf knappen Raum bringt er damit das für ihn selbst typische Lebensgefühl auf den Punkt: Ein an der Welt leidender und sich selbst überdrüssiger russischer Adliger sucht die existenzielle Erfahrung im seelischen Leid.

Einsam und suchend

Der am 15. Oktober 1814 in Moskau geborene Michail Lermontow hat diese Sicht auf das Leben in zahllosen Gedichten gestaltet. Romantische Sehnsüchte, träumerisches Schweifen in die Ferne oder lyrische Beschwörungen von Naturlandschaften – dies alles giesst Lermontow in eine höchst musikalische und zauberhafte Sprache.

Im Gedicht «Das Segel» etwa setzt er mit grosser Meisterschaft die Erfahrung der menschlichen Zerrissenheit ins Bild: In kurzen drei Strophen mit Kreuzreimen schildert er ein weisses Segel, das scheinbar ziellos über das Meer gleitet – einsam, und gleichzeitig sowohl auf der Flucht als auch auf der Suche.

«Will’s, dass die See es blau beschirme?» fragt das lyrische Ich, um sich kurz darauf gleich selbst die Antwort zu geben: «Nein, rebellisch will es Stürme, als ob’s in Stürmen Ruhe gäb!» Der Mensch als Wesen, das sich am Leben langweilt, darüber der Unrast verfällt und um existenzielle Erschütterungen bittet, um endlich zur inneren Ruhe zu gelangen. Dieses Paradoxon begleitet Lermontow Zeit seines schriftstellerischen Lebens.

Sensibel und frühreif

Lermontows Biografen schreiben, der Dichter sei in seiner Jugend sensibel und frühreif gewesen. Der frühe Tod seiner Mutter hat ihn wohl ebenso geprägt, wie die Erfahrung, bei seiner dominanten Grossmutter aufzuwachsen. Diese unterbindet etwa mit aller Härte jeglichen Kontakt zum Vater des Jungen.

Schon früh begeistert sich Lermontow für Literatur. Bereits als Teenager schreibt er Gedichte. Dabei lehnt er sich anfänglich noch stark an Alexander Puschkin und den Briten Lord Byron an. Die beiden sind die Vorbilder, an denen der junge Lermontow seine eigene romantische Lyrik schärft und schliesslich bis zur Formvollendung weiter entwickelt.

Der Tod des Vorbilds

Den Durchbruch als Schriftsteller erlebt Lermontow 1837. Alexander Puschkin stirbt damals in einem Duell gegen einen adligen Verehrer seiner Frau. Nach dem tragischen Tod des damals wie heute in Russland verehrten Nationaldichters verfasst Lermontow ein provokatives Gedicht mit dem Titel «Der Tod des Dichters». Darin geisselt er die angebliche Hohlheit und künstlerische Ignoranz der russischen Oberschicht als eigentliche Ursache für den Tod des Genies Puschkin.

Durch dieses Gedicht erhält Lermontow erstmals die Aufmerksamkeit der russischen Gesellschaft bis hin zum Zaren. Er ist auf einen Schlag im ganzen Land bekannt. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass der Zar Lermontow nach der Veröffentlichung des als aufwieglerisch empfundenen Gedichts in den Kaukasus verbannt.

Dort beginnt Lermontow mit der Niederschrift des Romans «Ein Held unserer Zeit», den er als einzigen auch vollendet. An der Figur eines Offiziers der zaristischen Armee gestaltet Lermontow einmal mehr sein dichterisches Grundthema: das von Melancholie geschwängerte Gefühl, in dieser Welt nutzlos und überflüssig zu sein und durch Grenzerfahrungen zu versuchen, aus diesem emotionalen Kerker auszubrechen.

Haus mit Strohdach

Bildlegende: In diesem Haus in Pyatigorsk verbrachte Lermontow die zwei letzten Monate seines Lebens. wikimedia

Der Vorbereiter des russischen Realismus

Lermontow gilt aufgrund seiner Lyrik als einer der wichtigsten Vertreter der russischen Romantik schlechthin. Sein einziger Roman hingegen bereitete bereits den Beginn des psychologischen Romans in Russland vor – und damit den Übergang von der Romantik zum Realismus. Nicht von ungefähr gilt Michail Lermontow deshalb in der russischen Literaturgeschichte als wichtiger Vorläufer der grossen Romanschriftsteller russischen Realismus: Turgenjew, Dostojewski, Tolstoj.

Michail Lermontow stirbt früh. Er ist gerade einmal 26-jährig, als er 1841 ums Leben kommt – in einem Duell, das er selbst provoziert hat. Irgendwie passend für diesen Dichter.

Buchhinweise:

Michail Lermontow: «An***. Gedichte, Strophen, Albumverse, Russisch-Deutsch». Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung Mainz, 1991.

Michail Lermontow: «Ein Held unserer Zeit». Insel Verlag Berlin, 2014.