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Nobelpreis fällt aus «Der diesjährige Nobelpreis wäre zur Peinlichkeit verkommen»

Dieses Jahr wird kein Nobelpreis für Literatur vergeben. Wie kommt die Schwedische Akademie aus diesem Schlamassel wieder raus?

Stockholms Stadshus
Legende: Hier findet normalerweise das Nobelbankett statt: In Stockholms Rathaus wird 2018 keine Literatur gefeiert. imago / Joana Kruse

SRF: Dieses Jahr vergibt die Schwedischen Akademie keinen Literaturnobelpreis. Was ist von diesem Entscheid zu halten?

Felix Münger, SRF-Literaturredaktor: Die Akademie, also die Jury des Literaturnobelpreises, hat damit wohl das einzig Richtige getan – in Anbetracht der tiefen Krise, in der sie derzeit steckt. Vermutlich wäre die Akademie auch mit derzeit noch 10 statt 18 Mitgliedern formaljuristisch in der Lage gewesen, den Preis zu vergeben – die Preisvergabe wäre aber zur Peinlichkeit verkommen.

Man hätte den Preis aus den Händen dieses von Skandalen erschütterten Gremiums kaum ernst genommen. Die grosse Verliererin wäre dabei die Literatur gewesen, respektive der Preisträger oder die Preisträgerin.

Felix Münger

Felix Münger

SRF Literaturredaktor

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Vor Kurzem sah es noch so aus, als wollte die Schwedische Akademie an der Vergabe 2018 festhalten. Warum diese Kehrtwende?

Tatsächlich sind die Vorbereitungen für diesen Herbst weit vorangeschritten. Offenbar sind aber in den Hinterzimmern der Akademie viele Diskussionen gelaufen. Vermutlich hat sich auch die Nobelstiftung in Stockholm eingeschaltet, also die zentrale Institution aller Nobelpreise, wo auch über die Preise der Kategorien Chemie, Physik, Medizin etc. diskutiert wird.

Am Ende stand die Einsicht, dass der Scherbenhaufen zu gross ist – nach den Skandalen und der Kaskade von Rücktritten. Die Akademie schreibt heute ja auch, dass man jetzt Zeit brauche, das Vertrauen der Öffentlichkeit wiederherzustellen.

Im kommenden Jahr werden zwei Literaturnobelpreise vergeben. Hat es das schon mal gegeben?

Tatsächlich gab es bereits siebenmal überhaupt keinen Nobelpreis für Literatur. Der damalige Grund lag in der weltpolitischen Situation; der Erste Weltkrieg, der Nationalsozialismus, der Zweite Weltkrieg.

Einzigartig ist diesmal, dass der Literaturnobelpreis wegen eines Skandals nicht vergeben wird, in den möglicherweise Akademiemitglieder und ihre Partner verwickelt sind. Sie haben – wenn die Vorwürfe wegen Korruption, sexueller Belästigung oder Geheimnisverletzung denn auch zutreffen – durch ihr Verhalten die Institution in die tiefste Krise ihrer Geschichte gestürzt.

Die Preisvergabe auf das folgende Jahr zu schieben, ist auch schon vorgekommen. Diese Möglichkeit ist in den Statuten der Akademie vorgesehen.

Die Akademie verordnet sich selbst also eine Pause. Was muss in Zukunft geschehen?

Das Wichtigste ist, dass die Akademie die Zeit nutzt, um vollständig Transparenz zu schaffen, was die massiven Vorwürfe betrifft.

In einem nächsten Schritt würde es darum gehen, mindestens zwei der zurückgetretenen Akademie-Mitglieder zurückzugewinnen. Dann wäre man zu zwölft und hätte das nötige Quorum erreicht, um Neumitglieder zu wählen und die Akademie wieder auf 18 aufzustocken.

Gleichzeitig würde sich jetzt auch die Chance bieten, grundsätzlich über die Bücher zu gehen und sich zu fragen, was denn der Sinn und Zweck des Literaturnobelpreises ist: nämlich Exzellenz auszuzeichnen, herausragende Literatur. Nur darum muss es gehen.

Wo gibt es Verbesserungspotenzial?

In der Vergangenheit hat es immer wieder Kritik gegeben an einzelnen Preisvergaben. Natürlich kann man sich über Qualität streiten. Aber die Kritik an der Preisvergabe etwa an Dario Fo oder Bob Dylan war sicher nicht nur unberechtigt.

Ausserdem ist der Preis noch immer sehr zentriert auf Europa und Nordamerika. Literatur aus Asien oder Afrika kommt noch immer selten zum Zug.

Da stünde es der Akademie nicht schlecht an, sich in Zukunft nicht mehr ausschliesslich aus Skandinaviern zusammenzusetzen, wie das bis anhin der Fall war. Es sollten auch Vertreter aus dem afrikanischen oder asiatischen Raum zugelassen sein. Das wäre ein echter Neuanfang – und der ganze Schlamassel hätte am Ende sogar etwas Gutes hervorgebracht.

Das Gespräch führte Annelis Berger.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 4.5.2018, 17:10 Uhr

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