Noch besser als «Drachenläufer»: der neue Hosseini

Khaled Hosseini ist ein Herzensbrecher. Das hat er schon mit dem Roman «Drachenläufer» gezeigt, der vom Schweizer Regisseur Marc Foster verfilmt wurde. Mit seinem neuen Buch «Traumsammler» überzeugt er durch berührende Lebensgeschichten mehrerer Figuren und eine grosse Fabulierkunst.

Portrait Khaled Hosseini

Bildlegende: Die Geschichten des Fabulierers Khaled Hosseini: zum Heulen schön. Keystone

Es beginnt mit einem afghanischen Märchen und endet in einer grossartigen Geschichte. Eigentlich in mehreren Geschichten, alle miteinander verwoben, wie die Glieder einer Kette. Und das ist so gut gemacht, dass man beim Lesen gespannt auf den Hinweis wartet, um die Verbindung zu den andern Geschichten oder Figuren zu erkennen.

Die Trennung der Geschwister

Abdullah (10) und seine Schwester Pari (3) machen den Anfang. Der grosse Bruder liebt das kleine Mädchen. Seit dem Tod ihrer Mutter hat er sich um sie gekümmert. Die Familie ist arm und ein Kind der neuen Stiefmutter hat den harten Winter nicht überstanden. Abdullahs Vater ist verzweifelt und verkauft Pari an ein reiches, kinderloses Paar in Kabul.

Abdullah leidet unter der Trennung, während seine kleine Schwester sich an die neuen Eltern gewöhnt, den Schmerz überwindet und sich bald nicht mehr an ihre Ursprungsfamilie erinnern kann. Doch irgendetwas fehlt ihr, wie ihr später bewusst wird.

«Einen Finger abschneiden, um die Hand zu retten»

Spielende Kinder in Afghanistan

Bildlegende: Hosseini erzählt davon, wie man damit lebt, seine Kinder weggeben müssen. Keystone

Abdullah ist einsam und unglücklich. Im Dorf Shadbagh spricht man nicht mehr über Pari. Nur die Stiefmutter sagt einmal: «Die Wahl musste auf sie fallen. Es tut mir leid Abdullah. Aber nur sie kam in Frage.»

In Afghanistan sind solche Tragödien keine Seltenheit. Eltern sind erschöpft vom Überlebenskampf und die Kinder müssen oft für sich selber sorgen. Väter und Mütter trennen sich von ihren Kindern, um ihren Söhnen und Töchtern eine bessere Zukunft zu bieten. Es heisst: «Man muss einen Finger abschneiden, um die Hand zu retten».

Khaled Hosseini: der Amerikaner, der über Afghanistan schreibt

Khaled Hosseini ist in Kabul geboren. Nach dem sowjetischen Einmarsch flüchtete seine Familie in die USA. Den Kontakt zu seinem Heimatland hat der Arzt und Schriftsteller aber nie verloren. In seinen Büchern spielt das kriegsgebeutelte Land und seine Menschen immer eine grosse Rolle.

Die meisten Menschen im Westen verbinden Afghanistan mit dem Krieg der Mudschahedin gegen die Sowjetunion, mit dem brutalen Regime der Taliban oder mit der Intervention der USA nach dem Terror-Anschlag vom 11. September. Hosseini will mit seinen Büchern aber daran erinnern, dass es nicht nur dieses Afghanistan gibt.

Von Afghanistan nach Paris, nach Kalifornien und Griechenland

Der Roman «Traumsammler» spielt nur teilweise in Afghanistan. Pari zieht mit ihrer neuen Mutter nach Paris und Abdullah eröffnet ein Restaurant in Kalifornien. Auch die anderen Figuren haben nur einen lockeren Bezug zu Afghanistan. Zum Beispiel der griechische Arzt Markos, der in einem Spital in Kabul Hilfe leistet und seine kranke Mutter zuhause besucht. Oder Idris und Timur, zwei in den USA aufgewachsene Afghanen, die nach der Niederschlagung der Taliban ihr Heimatland kennen lernen wollen.

Die Geschichten greifen ineinander, sie pendeln vor und zurück in der Zeit und zwischen Afghanistan und dem Westen, von der einen zur anderen Figur, ohne dass man als Leserin oder Leser die Orientierung verliert.

Khaled Hosseini, der grosse Erzähler

Portrait Khaled Hosseini

Bildlegende: Khaled Hosseini: Der Amerikaner, der in Afghanistan geboren wurde, erzählt universelle Geschichten von Menschsein. Keystone

Khaled Hosseini ist mit der Tradition des Geschichtenerzählens aufgewachsen. Seine Grossmutter hat ihm erfundene Geschichten erzählt oder Märchen vorgelesen. Auch Hosseini beherrscht das Erzählen und mit seinen Büchern schafft er es, Leserinnen und Leser zu fesseln.

Sein neuester Roman «Traumsammler» ist noch vielschichtiger als die beiden Vorgänger, noch spannender erzählt, noch reicher an Stimmen und Figuren. Das Buch hat eine grosse Kraft, ist manchmal unerträglich traurig, aber auch wunderschön und tröstlich. Und im Unterschied zum «Drachenläufer» gibt es nicht nur Gut oder Böse.

Ein Happy End?

Khaled Hosseini gönnt seinen Hauptfiguren Abdullah und Pari kein kitschiges Happy End und dennoch gibt es Trost. Als Leserin oder Leser ist man bezaubert, man klappt das Buch mit ein paar Tränen in den Augen zu – und möchte es am liebsten gleich nochmal von vorne lesen.

Literaturhinweis

Hosseini, Khaled: «Traumsammler», S. Fischer Verlag, 2013.

Sendung zu diesem Artikel