Paul Auster hat sich der autobiografischen Form verschrieben

Seine fiktionalen Romane treffen den Nerv der Zeit, doch bekannt wurde Paul Auster in den 80er-Jahren mit dem autobiografischen Prosaband «Die Erfindung der Einsamkeit». Mit «Bericht aus dem Inneren», seinem jüngsten Werk, knüpft der 67-Jährige an die Tradition des Sich-Erinnerns an.

Der Autor Paul Auster mit grauem Pullover und der Hand an seinem Kinn.

Bildlegende: Paul Auster behandelt in «Bericht aus dem Inneren» seine Ehe und beschreibt, wie er als Kind die Welt wahrgenommen hat. Keystone

Einer der bedeutendsten amerikanischen Gegenwartsautoren hat sich der autobiografischen Form verschrieben. Bereits in «Winterjournal», 2013 auf Deutsch erschienen, zieht Paul Auster Bilanz seines Lebens. Der Autor aus Brooklyn erzählt assoziativ die Geschichte seines Körpers, erinnert an das, was ihm physische Lust und Schmerz bereitet hat. In seinem jüngsten autobiografischen Werk «Bericht aus dem Inneren» blickt er zurück in seine Kindheit, und widmet sich seinen ersten Erinnerungen.

Wolkentiere am Himmel

«Bericht aus dem Inneren» ist ein poetisches Buch. Paul Auster beschreibt, wie er als Kind die Welt wahrgenommen hat: den Mann im Mond, die Wolkentiere am Himmel, der Geruch von frisch geschnittenem Gras.

Was hier vielleicht an Gemeinplätze erinnert, ist aber alles andere als banal: Auster berichtet über sich selbst in der zweiten Person, der Leser fühlt sich persönlich angesprochen. So werden über seinen Text eigene Kindheitserinnerungen lebendig, laufen wie ein Film vor dem inneren Auge ab. Das ist sinnlich und schön.

Schreiben um des Schreibens Willen

Weniger schön ist aber, dass Paul Auster seinen Band mit einer Lese- und Filmbiografie angereichert hat. Ausserdem rollt er seine erste Ehe auf und dokumentiert deren Scheitern in den späten 70er-Jahren. Dies geschieht über einen Briefwechsel zwischen ihm und seiner damaligen Gattin. Auch seine kinematografischen Ausführungen zu Filmen, die sein Leben geprägt haben, transportieren wenig Erkenntnisreichtum. Und das, obwohl Auster diesem Teil seines Bandes relativ viel Platz einräumt.

Der Leser erfährt, dass Auster als junger Mensch erst die amerikanischen Gegenwartsautoren gelesen hat: Hemingway, Steinbeck. Dann Kafka, Orwell, Voltaire – und um nicht zu vergessen: «Das Kommunistische Manifest». Das sind alles Exkurse, die nichts mit Paul Austers frühesten Kindheitserinnerungen zu tun haben.


Annette König über Austers neues Buch

3:33 min, aus Kultur kompakt vom 30.10.2014

Bitte kein weiteres Buch mit Erinnerungen ...

Zum Schluss folgt der «krönende» Abschluss in Form eines Fotoalbums. Alles was an Paul Austers Kindheitserinnerungen irgendwie bebildert werden kann, wird illustriert, beispielsweise ein Eichhörnchen im Sprung. Unter dem Bild steht die Bildlegende: «Eichhörnchen waren die Tiere, die du am meisten bewunderst – ihre Flinkheit! Ihre todesverachtenden Sprünge hoch oben im Gezweige der Eichen!»

Nach diesen Ausführungen beschleicht den Leser der ungute Verdacht, dass da jemand nur noch um des Schreibens Willen schreibt.

Darum, bitte Herr Auster: ein weiteres Buch mit Erinnerungen, das bitte nicht!

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 29.10.2014, 17:30 Uhr

Buchhinweis

Paul Auster: «Bericht aus dem Inneren», Rowohlt, 2014.