«Schönheit genug für ein halbes Leben» – Stefan Zweigs Brasilien

«Das Leben an sich ist hier wichtiger als Zeit.» – Das ist einer der schönsten Sätze in Stefan Zweigs Brasilienbuch. Und er stimmt bis heute. 73 Jahre nach Erscheinen vermittelt Zweigs Reisebuch Wissens- und Liebenswertes über das Wunderland Brasilien.

Eine grüne Landschaft, im Hintergrund Felsen und ein wolkenverhangener Himmel.

Bildlegende: Ananas und Papayas, saftig und prall, Kolibris und Papageien: Stefan Zweig beschreibt Brasilien als Paradies. Flickr/Otávio Nogueira

Stefan Zweig unternimmt auf seinen 300 Seiten einen doppelten Gang durch die Geschichte Brasiliens. Zunächst erzählt er die politische Geschichte, die von der Kolonialherrschaft der Portugiesen um 1500 bis zum Bundesstaat Brasilien reicht. Dann beschreibt er, wie die Wirtschaftsgeschichte den Gang der Dinge Brasiliens bestimmt hat. Mit dem Auf und Ab der Rohstoffe Brasilholz, Tabak, Gold, Kakao oder Kautschuk wurden Städte und Regionen gross – und versanken wieder.

War der jeweilige Boom vorbei – etwa, weil die europäische Zuckerrübe das brasilianische Zuckerrohr ersetzte –, kümmerte man sich «mal wieder nicht» um eine nachhaltige Landwirtschaft. Die Rohstoffe wurden nicht industriell veredelt, später verkümmerten die Kautschuk-Bäume im Dschungel und die ausgebeuteten Minen von Minas Gerais.

Jesuiten, Ureinwohner und die herrschende Klasse

Selbstloses Interesse an nachhaltigem Ertrag, also auch am Fortschritt für kommende Generationen schienen – nach Stefan Zweig – allein die Jesuiten gehabt zu haben: Sie bauten Plantagen auf, unterrichteten die Ureinwohner, bekämpften Krankheiten, gründeten Häfen und Städte wie etwa São Paulo.

Allerdings wurden die Jesuiten 1759 aus Brasilien vertrieben. Sie störten die Interessen der herrschenden Klasse ebenso wie die der Plantagenbesitzer, die die Ureinwohner nicht bilden, sondern ausbeuten wollten.

Die Ananas, Papayas, das Fleisch

So liefert Stefan Zweig Erklärungen dafür, warum Brasilien – das Paradies – trotz der reichhaltigen Rohstoffe und üppigen Natur nicht mithielt in der globalen Konkurrenz. Lange war es auch das Mutterland Portugal, das Brasilien klein hielt und ausbeutete. Später, so meint Zweig, ist es auch die Mentalität der Menschen: Wozu soll man sich so plagen, wenn man schon im Paradies ist: «Wer Brasilien wirklich zu erleben weiss, der hat Schönheit genug für ein halbes Leben gesehen» (S. 300).

Mit diesem Satz schliessen die eigentlichen Reisereportagen im Buch, die den Autor bereits in den 1930er-Jahren mit dem Flugzeug nach Bahia, Recife und zu den versunkenen Goldstädten brachten. Er schreibt von Kolibris und Papageien und davon, wie prall und saftig alles sei: die Ananas, Papayas, das Fleisch!

Gelassenheit im Paradies

Am meisten schreibt Stefan Zweig aber über die Brasilianerinnen und Brasilianer selbst, über ihre Toleranz, ihre Gelassenheit, Friedlichkeit und weltmeisterliche Freundlichkeit: «In diesem – meiner Meinung nach dem wichtigsten – Sinne scheint mir Brasilien eines der vorbildlichsten und darum liebenswertesten Länder unserer Welt. Es ist ein Land, das den Krieg hasst und noch mehr: das ihn soviel wie gar nicht kennt» (S. 22).

«Brasilien hat das Rassenproblem ad absurdum geführt»

Zweigs Begeisterung für die multiethnische Nation wird verständlich aus seiner eigenen Verfolgungssituation und aus dem Zweiten Weltkrieg. Während sich die Menschen in Europa gegenseitig zu Todfeinden erklären, lobt Zweig Brasilien als «Land der Zukunft», gerade wegen seiner gelungenen Mischung verschiedenster Menschenvölker, aus Indigenen, Schwarzafrikanern und Europäern:

«Zum grössten Erstaunen nimmt man nun wahr, dass alle diese schon durch die Farbe sichtbar voneinander abgezeichneten Rassen in vollster Eintracht miteinander leben […]. Brasilien hat – und die Bedeutung dieses grossartigen Experiments scheint mir vorbildlich – das Rassenproblem, das unsere europäische Welt zerstört, auf die einfachste Weise ad absurdum geführt: indem es seine angebliche Gültigkeit einfach ignorierte» (S. 17 f.).

Der alltägliche Rassismus heute

Was den Rassismus anbetrifft, müsste man Zweig heute widersprechen: Es gibt sehr wohl einen strukturellen Rassismus in Brasilien, wenn auch keinen aggressiven oder gar eliminatorischen wie bei den Nazis.

Der Rassismus in Brasilien heute ist «hartnäckig freundlich»: Die Reichen sind und bleiben mehrheitlich weiss und unter sich. Die Armen bleiben mehrheitlich schwarz. Deren Lebenserwartung bleibt um 10 Jahre niedriger als die der hellhäutigen Brasilianer.

Dass ihr Land so wenig «Vorschritte» macht, quittieren die Brasilianerinnen und Brasilianer selbst seit langen Jahrzehnten mit diesem Bonmot, das wie eine ironische Antwort auf Stefan Zweigs Buchtitel klingt: «Ja: Brasilien ist das Land der Zukunft, und das wird es immer bleiben!»

Buchhinweis

Stefan Zweig: «Brasilien. Ein Land der Zukunft», Insel-Verlag 2013. (Erstmals erschienen 1941 bei Bermann-Fischer.)