«Frühling der Barbaren»: ein effektvoller Erstling

Das Erstlingswerks von Jonas Lüscher «Frühling der Barbaren» bekam viel Kritikerlob und schaffte es auf die Longlist für den deutschen Buchpreis. Mit Recht: Das Buch ist eine Entdeckung und weckt Appetit auf mehr von diesem Autor.

Ein Mann in dunkelblauem Pullover steht vor einer Wand.

Bildlegende: Jonas Lüschers Erstling «Frühling der Barbaren» ist für den Schweizer Buchpreis 2013 nominiert Ulrike Arnold

«Während Preising schlief, ging England unter.» Mit diesem schlichten Satz erreicht Jonas Lüschers klassisch gebaute, schmale Novelle ihren Wendepunkt: Derweil eine aus britischen schwerreichen Schicki-Mickis gebildete Hochzeitsgesellschaft nach opulentem Fest im exquisit-exotischen Ambiente eines tunesischen Wüsten-Resorts ihren Rausch ausschläft, bricht in Lüschers nicht unwahrscheinlichem Szenario Britanniens Finanzsystem zusammen.

Und so ist am Morgen danach nichts mehr zuvor: Die Kreditkarten der Gäste gesperrt, die Handys ausser Betrieb, Service und Nahrungsnachschub verweigert von einer korrupten Hotelleitung, welche ihrerseits nach Unruhen im eigenen Land vor dem Ende steht.

Der Fassungslosigkeit der an Prassen und Protzen gewohnten erfolgs- und giertrainierten Kaste folgen flugs atavistische Reaktionen: Faustrecht und Fiesheit schleifen rasch den Firnis der Zivilisation.

Eine artifiziell-kaputte Luxus-Welt

Einer schaut dabei nur zu: Der Schweizer Fabrik-Erbe Preising, von seinem dubiosen Geschäftspartner, dem Hoteleigner, eingeladen, nimmt am Fest als beinahe ethnologischer Beobachter teil, angezogen allenfalls von der gleichfalls nicht zum Bankermilieu gehörenden Brautmutter.

Preising ist Lüschers Erzähler, der – unbestimmte Zeit später, der globale Kollaps wurde offenbar umschifft – das krasse Geschehen schildert: im Gespräch mit einem Mitinsassen in einer Heilanstalt, die als offenkundiger Kontrast zum artifiziell-kaputten Luxus in der Wüste freilich kaum Kontur gewinnt.

Rasant erzählt, aberwitzig komisch

Der vielseitige 37-jährige Autor, gegenwärtig Philosophiedoktorand, hat mit rasanter Erzählökonomie und oft aberwitziger Komik einen so unterhaltsamen wie abgründigen Text zu den aktuellen gesellschaftlichen Verwerfungen vorgelegt. Das erklärte Interesse Lüschers gilt der Frage, ob die künstlerische, hier literarische Auseinandersetzung mit Gegenwartsproblemen nicht häufig erhellender und produktiver sein kann, als jeder analytisch-wissenschaftliche Zugang.

Dazu liefert seine raffiniert konstruierte Novelle die eindrückliche (Talent-) Probe aufs Exempel. Manche Szenen – das Elend der bei einem Busunglück verendenden Kamele oder die abrupte Gewalt am Pool nach dem Grounding des Pfunds – prägen sich ein, andere wünschte man sich weniger drastisch inszeniert.

Lüschers Figurenzeichnung und seine literarische Sprache halten mit der Originalität des Grundeinfalls nicht mit: Klischeehaft werden Klischees entlarvt, die stilistisch variable Prosa wechselt mitunter brüsk zwischen etwas ältlicher Gediegenheit (Preisings) und platter Schnoddrigkeit (der Geldschnösels) hin und her.

Doch fraglos: dieses Buch ist eine Entdeckung und weckt Appetit auf mehr von diesem Autor.

Schweizer Buchpreis 2013

Die öffentliche Preisverleihung des Schweizer Buchpreis findet am Sonntag, 27. Oktober, im Theater Basel statt. Radio SRF 2 Kultur berichtet ab 12.40 Uhr live und spricht mit dem oder der GewinnerIn.

Lesung zum Nachhören

Jonas Lüschers «Frühling der Barbaren» ist als Lesung in sieben Folgen bei SRF Kultur zu hören. Die zweistimmige Lesung wird von Peter Kner und Michael Schacht gesprochen.

Sendung zu diesem Artikel