Leipziger Buchmesse Schweizerin erhält Übersetzer-Preis in Leipzig

Es ist eine der populärste Geschichten Chinas: «Die Reise in den Westen». Eine Schweizerin hat den Roman übersetzt – und bekommt dafür den Übersetzer-Preis der Leipziger Buchmesse.

Porträt Eva Lüdi Kong.

Bildlegende: Hat eine immense Herausforderung gemeistert: Übersetzerin Eva Lüdi Kong. Keystone

«Ich habe mich für diesen Klassiker interessiert, bevor ich ihn kannte», erinnert sich Eva Lüdi Kong heute. Schon im Alter von 14 Jahren begann sie nämlich – im Selbststudium – Chinesisch zu lernen. Sie stellte damals mit Bedauern fest, dass es von «Die Reise in den Westen» keine vollständige deutsche Fassung gab.

Viel, viel später begegnete sie dann zufällig in einer Buchhandlung in Shanghai dem Original, kaufte es und verschlang es zu Hause «in einem Zug von der ersten bis zur letzten Seite». Mittlerweile des Chinesischen mächtig entschied sie sich, den Roman eigenhändig ins Deutsche zu übersetzen.

Vier Pilger unterwegs nach Indien

«Die Reise in den Westen» erzählt die Geschichte vom frommen Priester Tripitaka. Mit seinen drei Begleitern – dem Affenkönig Sun Wukong, dem Eber Bajie, und dem furchterregenden Sandmönch – pilgert er gegen Westen, um Buddha zu huldigen und in Indien heilige Schriften zu holen. Unterwegs lauern viele Gefahren und Versuchungen, die es zu überwinden gilt. Und als Belohnung winken Unsterblichkeit und Eintritt ins Nirvana.

Mann in gelb-rotem Kostüm schminkt sein Gesicht weiss-rot.

Bildlegende: Beliebtes Motiv: Ein Mitglied des chinesischen Staatszirkusses als Affenkönig Sun Wukong aus «Die Reise in den Westen». Getty Images

Comics und Trickfilme

Über Jahrhunderte wurde der Stoff von einer Generation zur nächsten immer wieder neu erzählt. Die erste schriftliche Version des Romans, die man gefunden hat, entstand Ende des 16. Jahrhunderts. Längst ist «Die Reise in den Westen» Teil des chinesischen Kulturguts geworden und hat auch in modernen Medien wie Comics, Trickfilmen oder Fernsehserien seinen Niederschlag gefunden.

Viele Lesarten

Eva Lüdi Kong haben vor allem die geistige Tiefe und die Breite an Lesarten fasziniert: «Das Buch bietet sich an als spannende Abenteuergeschichte und Reise durch märchenhafte Welten, als Sammlung mythologischer Erzählungen, als politische Satire, als Reise zu geistiger Erlösung. Und nicht zuletzt als vielseitiges und illustratives Dokument zur traditionellen chinesischen Weltanschauung.»

Aber gerade diese Vielschichtigkeit bedeutete für die Übersetzerin – neben den sprachlichen Finessen – eine immense Herausforderung: Sie musste sich intensiv mit dem fernöstlichen religiösen Gedankengut auseinandersetzen und die chinesische Mythologie studieren, um dem Werk gerecht zu werden. Kein Wunder dauerte die Arbeit 17 Jahre.

Ein Schlüssel zum heutigen China

Auf die Frage, was uns Laien dieser Klassiker über das heutige China erzählen könne, verweist Eva Lüdi auf das Befremden, das dieses Riesenreich bei vielen Menschen im Westen auslöst: «Hier kann ‹Die Reise in den Westen› zur Aufklärung beitragen. Und zwar deshalb, weil das Buch in einer Zeit geschrieben worden ist, als die sogenannten drei Lehren Chinas – Buddhismus, Taoismus und Konfuzianismus – eigentlich eine Synthese eingegangen sind.»

So bekomme man bei der Lektüre aus allen drei Blickwinkeln eine Grundlage der chinesischen Kultur, «und das auf heitere, witzige und unterhaltsame Weise.»

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 23.03.2017, 09:02 Uhr

Preis der Leipziger Buchmesse

Auch Natascha Wodin erhält einen Preis: Sie gewinnt in der Kategorie Belletristik mit ihrem Roman «Sie kam aus Mariupol».

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