Seine brutale Kindheit wurde zum Bestseller

Der 22-jährige Franzose Édouard Louis zauberte aus seiner unerträglichen Kindheit als Homosexueller im Prekariat eines Dorfes einen erschütternden Roman. «Das Ende von Eddy» ist eine soziologische Analyse gepaart mit literarischer Eleganz – und zurecht ein Bestseller.

Édouard Louis steht an einen Baum gelehnt, trägt ein weisses Hemd.

Bildlegende: Der Autor trägt heute nicht mehr den Vornamen, den ihm seine Eltern gegeben haben. Eddy hat sich in Édouard umbenannt. Keystone

Ein solch aussergewöhnliches Buch taucht so selten am Horizont auf wie eine totale Sonnenfinsternis. Aber wenn ein hochbegabter Autor wie Édouard Louis, der aus einer Familie stammt, die mehr dahinvegetiert als lebt, sein Schicksal zu bannen vermag, dann ist ein solches Wunder möglich. Allein in Frankreich erreichte diese spezielle Lebensgeschichte bisher eine Auflage von über 200'000 Exemplaren.

Demütigung ohne Ende

Eddy wird schon als kleiner Junge misshandelt; von seinen Brüdern und Kameraden verprügelt, erniedrigt. Er erlebt eine grausame bitterarme Kindheit in seinem Dorf in der französischen Picardie. Homophobie gehört zum allgemeinen Umgangston. Die sozial Deklassierten haben die noch Schwächeren unter ihnen zur Zielscheibe.

Eddy ist in mancherlei Hinsicht der völlige Aussenseiter. Er hat eine hohe Stimme und ist sich bewusst: Er ist ganz anders als alle anderen. Mit zunehmendem Alter steigt der Leidensdruck. Eddy wird Opfer sexueller Exzesse seiner Kameraden. Er versucht sich sein Schwulsein mit Mädchen auszutreiben. Gravierend ist auch das Unverständnis seiner Familie und erst recht das der Dorfbewohner.

Sozial deklassiert

Mangelnde Bildung, harte Fabrikarbeit, ein Leben unterhalb des Existenzminimums – das ist die Welt von Eddy. Die schiere Not treibt die Menschen im Dorf in den Alkohol, in die Brutalität, die nicht selten im Kampf eines jeden gegen jeden endet. Sodass sich Täter und Opfer letztlich kaum auseinanderhalten lassen.

Trotzdem flackern Reste von Kindesliebe auf. Eddys Vater möchte seinen Sohn im Fussballclub von seiner Homosexualität heilen. Doch das geht gründlich daneben, weil der Präsident keine schwulen Spieler aufnehmen will.

Traum vom Auszug

Den definitiven Entschluss, aus dem Terrorregime von Dorf und Familie auszusteigen, fällt der Teenager gegen Ende seiner Schulzeit. Denn Aussicht auf Besserung gibt es in diesem Ghetto der Verlierer nicht: «Die Unmöglichkeit, irgendetwas zu tun, verhinderte die Möglichkeit, es zu wollen, was wiederum das Mögliche verhinderte» – so bringt es Dialektiker Édouard Louis auf den Punkt. So verstand es auch sein alter Ego Eddy.

Die Befreiung, rechnet sich Eddy aus, kann nur über die Schule gelingen. Eddy schafft es bis aufs Gymnasium weitab vom Dorf. Auf diesem Weg gelingt es ihm, die Vergangenheit weit hinter sich zu lassen.

Kreislauf der Ohnmacht

Édouard Louis autobiografischer Roman ist als Alarmzeichen zu verstehen. Als tickende Zeitbombe. Er zeigt, wie soziale Verelendung noch heute in einem postindustrialisierten Land wie Frankreich nicht den Hauch einer Abweichung zulässt. Alle Akteure bleiben in den Rollen gefangen, die das dörfliche Leben bis heute für sie vorgesehen hat. Alles andere wäre Verrat. Männer haben immer nur die eine Bestimmung: Ein «echter Kerl» zu sein.

Buchhinweis

Édouard Louis: «Das Ende von Eddy». Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. S. Fischer, 2015.

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