«Tamangur»: Ein Roman gewinnt, indem er weglässt

Als Lyrikerin reduziert Leta Semadeni Geschichten auf ein Minimum. Jetzt legt sie ihren ersten Roman vor. «Tamangur» handelt vom Leben einer Grossmutter, eines Kindes und der Abwesenheit des Grossvaters. Der Band hat weit mehr Zeilen als ein Gedicht. Poetisch ist er trotzdem.

Kind mit Puppe am Birkenstamm sitzend (Gemälde).

Bildlegende: «Tamangur»: ein Buch über das Leben, voll mit skurrilen Figuren und Beobachtungen in poetischer Sprache. Wikimedia/Paula Modersohn-Becker

Das Herz der Grossmutter tut weh, wenn sie an den toten Grossvater denkt. Er habe sich «wie ein Feigling aus dem Staub gemacht», erklärt sie dem Kind. Die beiden erinnern sich an den Mann, der ihnen so fehlt: «Die Erinnerung liegt dann überall herum wie ein schlafendes Tier und versperrt einem den Weg». Nachts ist es besonders schlimm, da «blühen der Zorn und die Empörung besonders schön».

Skurrile Figuren beleben das Bergdorf

Leta Semadeni mit Brille auf dem Nasenrücken.

Bildlegende: Die Engadiner Autorin und Lyrikerin Leta Semadeni. Keystone

Von solch prägnanten Sätzen und stilistisch ausgefeilten Kurzszenen lebt das Buch. Und von den skurrilen Figuren, die im fiktiven Bündner Bergdorf leben. Da ist die Nachbarin, die es nie so meint, wie es ankommt. Der Kaminfeger, der sich nicht für Frauen interessiert. Der alte Kasimir, der oft zu tief ins Glas schaut. Der Pfarrer, der den Kindern Äpfel schenkt, ohne zu wissen, dass sie eben Mirabellen aus seinem Garten gestohlen haben. Oder die seltsame Elsa, die manchmal zum Nachtessen kommt und damit den Tag der Grossmutter «auffrischt».

Tamangur ist ein Arvenwald im Val S-charl, einem Seitental des Unterengadins und ein wichtiges Symbol für die romanische Kultur und Sprache. In Leta Semadenis Roman ist Tamangur das Paradies für Jäger. Dorthin sei die Seele des Grossvaters gegangen, sagt die Grossmutter. Wenn sie von ihm spricht, dann schaut sie an die Decke oder in den Himmel. Dort muss Tamangur sein, denkt sich das Kind. Die Grossmutter fügt hinzu: «Das Paradies ist schlecht zu ertragen, solange man noch nicht gestorben ist.»

Zwischen Distanz und Mitgefühl

Der Grossvater, die Grossmutter und das Kind haben keine Namen. Das habe sie instinktiv so gemacht, sagt Semadeni, das habe ihr erlaubt, mehr Distanz zu halten zu den Figuren. Tatsächlich hält sie Distanz, sie hat aber auch Mitgefühl. Besonders für das Kind. Einmal hat es beim Spielen am Fluss einen Moment lang nicht auf den kleinen Bruder aufgepasst. Dieser ist dann «einem bleichen Fischlein gleich auf dem funkelnden, wilden Wasser geschaukelt, immer weiter weg, bis ihn eine Welle schliesslich ganz und gar zu sich holte».

Auch Gedichte entstehen aus einer Erzählung

Die 70-jährige Engadiner Lyrikerin Leta Semadeni hat mit ihren deutschen und romanischen Gedichten schon einige Auszeichnungen gewonnen. 2011 erhielt sie den Literaturpreis des Kantons Graubünden und den Preis der Schweizerischen Schillerstiftung. Zum ersten Mal einen Roman zu schreiben, sei eine Herausforderung gewesen, sagt sie – aber eigentlich nichts Neues. Jedes ihrer Gedichte sei aus einer Erzählung entstanden. Dann habe sie die Geschichten aufs absolute Minimum komprimiert. Mal weniger zu streichen, das sei befreiend gewesen, sagt sie.

«Tamangur» überzeugt vor allem durch die Sprache und die Gestaltung. Leta Semadeni reiht zahlreiche Prosa-Miniaturen aneinander, die sich am Ende zu einem Gesamtbild zusammenfügen. Dabei verlangt sie etwas von den Lesenden, weil sie vieles nur andeutet. Das ganze Bild entsteht erst im Kopf. Nicht nur das macht den Roman reizvoll.

Buchhinweis

Leta Semadeni: «Tamangur», Rotpunktverlag, 2015.

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