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Literatur Warnung vor Joseph Roth

Der Dichter als Journalist: Die Feuilletonbeiträge von Joseph Roth (1894-1939) sind in zwei gut lesbaren Auswahlbänden neu erschienen. Als Risiko und Nebenwirkung der Lektüre kann Unzufriedenheit mit den Medien von heute auftreten.

Strassenszene in Berlin um 1920: Ein Auto fährt auf eine Reihe von Fussgängern zu.
Legende: Im hektischen Berlin der 1920er-Jahre schrieb Joseph Roth seine gesellschaftskritischen Feuilletons. Deutsches Bundesarchiv/wikimedia

Mit Romanen wie «Hiob», «Radetzkymarsch» oder «Das Spinnennetz» wurde Joseph Roth berühmt. Doch war ihm seine umfangreiche Arbeit als Journalist ebenso wichtig wie das Dichten.

Zeit seines Lebens hat er sich hartnäckig geweigert, den Journalismus geringer zu schätzen als das Dichten. Er sagte: «Die echte Aktualität ist keineswegs auf 24 Stunden beschränkt. Sie ist zeit- und nicht tagesgemäss.» Dieser Satz gehört, in Stein gemeisselt, über die Eingangspforte eines jeden Medienunternehmens.

Roth hat das «Feuilleton» zur Meisterschaft entwickelt. Diese aktuelle Kurzform ist subjektiver und skizzenhafter als der Artikel. Sie wird für ein breiteres Publikum geschrieben und bietet die thematische Freiheit, die Roth brauchte, um seine Form der literarischen Miniatur zu entwickeln.

Das Kleine – ganz gross

«Was ich sehe, ist der lächerlich unscheinbare Zug im Antlitz der Strasse und des Tages», so beginnt Roth ein programmatisches Feuilleton. In der Tat, es sind die kleinen Leute, die «Elendsten, die Ärmsten, die Verworfensten dieser Stadt» und es sind die kleinen Dinge, die dünne Trompete des Bettlers, das Monokel im Auge des Bourgeois, die Nachbarschaftsanzeigen an einer Mauer, die ihn interessieren.

Kennen wir das nicht aus unserer Boulevardpresse? Der «Schnügel des Tages»! Nein. Bei Roth ist alles ganz anders: böser, satirischer, empathischer. Ihm sind die Kleinigkeiten des Lebens wichtig als Waffe gegen das Grosse, das Ganze. Er misstraut der «allumfassenden Armbewegung des Weltbühnenhelden». Wo die Reklame jedes Waschmittel zum Ereignis aufbläht und die Politik vor allem Reklame ist, da gilt: «Was sich gross ankündigt, ist gering an Gehalt und Gewicht».

Ein Kind, das mit Murmeln spielt, stellt für Roth die Vollkommenheit der Schöpfung dar. Es sitzt am Strassenrand und sieht dem «zweckmässigen Wirrwarr der Erwachsenen» zu. Es ist, im Unterschied zum Erwachsenen, noch nicht vergesellschaftet, einem fremden Zweck unterworfen. Es muss in diesem Moment, da es hier spielt, keinen Profit erbringen und keiner Herrschaft dienen. Roths Liebe zum Detail ist Gesellschaftskritik.

Bildkräftige Phantasie

«Was ich sehe..» Roths Feuilletons sind Bilderfolgen und Filmsequenzen. Als grosses Stummfilmdrama etwa beschreibt er den Zug der 5000 Obdachlosen, die allwöchentlich schweigend durch Berlin ziehen. Eine Bettlerin tritt aus dem Zug heraus, durchwühlt einen Müllhaufen und findet eine Kette mit schwarzen Glasperlen, die sie in ihren Lumpen versteckt, damit sie ihr nachts im Asyl nicht gestohlen wird. Ganz grosses Kino! Und grosse Literatur.

Roth ist ebenso kühl beobachtender Sozialwissenschaftler wie mitleidender Mensch. Was kann man noch lesen in unseren Zeitungen, sehen und hören in unseren elektronischen Medien, wenn man Roth erlebt hat?   

Buchhinweis

Joseph Roth: Trübsal einer Strassenbahn. Stadtfeuilletons. Jung und Jung Salzburg und Wien 2012.

Joseph Roth: Heimweh nach Prag. Feuilletons, Glossen, Reportagen für das «Prager Tagblatt». Wallstein Göttingen 2012