Wenn ein Stalker die Familienidylle stört

Seit ihrem Debüt von 1998 mit dem Erzählband «Sommerhaus später» gehört Judith Hermann zu den wichtigsten Stimmen der deutschen Gegenwartsliteratur. Jetzt erscheint ihr erster Roman «Aller Liebe Anfang», in dem ein Stalker den ruhigen Alltag einer jungen Familie durcheinanderbringt.

Ein Mann schaut durch die Jalousien.

Bildlegende: Ein Stalker bringt Stellas ruhiges Leben durcheinander. Getty Images

Stella hat an der Hochzeit ihrer Freundin Klara den Brautstrauss aufgefangen. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass sie als nächste heiraten wird. Auf dem Heimflug vom grossen Fest kommt sie zufällig mit ihrem Sitznachbarn ins Gespräch. Sie gesteht ihm ihre Flugangst. Der Mann – er heisst Jason – drückt über den Wolken schützend ihre Hand. So beginnt eine Beziehung, die tatsächlich vor den Traualtar führt.

Jahre später begegnen wir Stella und Jason erneut. Mittlerweile leben sie in einem eigenen Haus irgendwo an einem Stadtrand. Tochter Ava ist knapp fünf Jahre alt, Stella arbeitet teilzeit als Altenpflegerin. Jason ist als Fliesenleger oft tagelang unterwegs und muss seine beiden Liebsten alleine lassen. Stella kommt gut damit zurecht. Jedenfalls macht sie sich vor, glücklich in jenem Leben angekommen zu sein, von dem sie schon immer geträumt hat.

Aber als Leser ahnt man, dass die junge Mutter eine Sehnsucht in sich trägt, die ihr zuweilen einflüstert: Das Leben hat noch mehr zu bieten.

Hunger nach Veränderung

Allein schon wie Judith Hermann das unbewusste Verlangen Stellas beschreibt, zeigt die grosse literarische Kraft der Autorin. Sie macht vage Andeutungen, spart Worte aus und schafft dadurch erst recht Transparenz: mehr als ihr selber wird uns beim Lesen Stellas Hunger nach Veränderung klar.

Diese Veränderung lässt dann auch nicht lange auf sich warten: Eines Tages steht ein Fremder vor dem Haus und bittet Stella über die Gegensprechanlange um Einlass. Er wolle sich mit ihr unterhalten. Aber sie lehnt erschrocken ab. Auch am nächsten und am übernächsten Tag wiederholt sich das Ritual. Es ist, als ob dieser seltsame Mann bei Stella eine latente Bereitschaft für Neues gespürt hätte.
Aber Stella verweigert das Gespräch, und gerät zunehmend unter Druck, als der Fremde dann auch noch schriftliche Botschaften im Briefkasten deponiert.

Eine Liebes- oder Horrorgeschichte ?

Lange lässt Judith Hermann offen, in welche Richtung sich der Plot entwickelt – ob hin zu einer Liebes- oder zu einer Horrorgeschichte. Sie habe beim Schreiben absichtlich zugewartet, das Wort «Stalking» zu verwenden, sagt die Autorin im Gespräch, weil sie selber der Beziehung am Anfang noch eine Chance habe geben wollen.

Die Situation läuft dann allerdings aus dem Ruder und droht auch Stellas Ehe mit Jason in den Abgrund zu reissen. Man staunt beim Lesen, wie souverän die Autorin das Genre des Psychothrillers beherrscht: Eine unheimliche Atmosphäre zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Geschichte und lässt einen das Buch kaum noch aus der Hand legen.

Leise Melancholie

Schon immer war Judith Hermann eine Meisterin im Darstellen brüchiger Beziehungen. Sie fand immer wieder Worte für die Sprachlosigkeit von Paaren und liess in ihren Erzählungen oft auch eine leise Melancholie aufscheinen. Die Form des Romans gibt ihr jetzt die Möglichkeit, ihre Figuren psychologisch noch tiefgründiger und vielschichtiger zu zeichnen. Ihre besondere Sprache, die zuweilen wie schwebend daherkommt und einen ganz eigenen Sog entwickelt, ist nach wie vor die ganz grosse Stärke dieser Autorin.

Nach ihrem letzten Buch hat sich Judith Hermann fünf Jahre Zeit gelassen für ihren ersten Roman «Aller Liebe Anfang». Das Warten hat sich mehr als gelohnt.

Buchhinweis

Judith Hermann: «Aller Liebe Anfang», S. Fischer Verlag, 2014.

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