Wie hellsichtig war Isaac Asimov, als er das Jahr 2015 beschrieb?

Isaac Asimov hat das Science-Fiction-Genre geprägt wie wenige andere. Eine seiner wichtigsten Geschichten spielt im Jahr 2015: «Runaround», geschrieben im Jahr 1942. Die Geschichte hat nicht nur die Science-Fiction-Literatur beeinflusst, sondern auch die Wissenschaft.

Bild von einem Mann in braunem Anzug, der auf einem steinernen Thron sitzt, der mit Science-Fiction-Symbolen verziert ist.

Bildlegende: Isaac Asimovr (1919-1992) war ein berühmter Science-Fiction-Autor und ein wichtiger Populärwissenschaftler. Wikimedia

Unbarmherzig brennt die nahe Sonne auf den Planeten Merkur. Staubwolken steigen in die Höhe, aufgewirbelt vom flinken Roboter Speedy. Mit metallener Stimme rezitiert er Operetten-Verse: Speedy ist durchgedreht. Sein künstlicher Geist hat sich verheddert in Widersprüchen, ausgerechnet verursacht durch jene Gesetze, die ihn eigentlich steuern sollten.

«Runaround» machte Asimov unsterblich

Ein dunkelroter Roboter mit weissen Augen vor rotem Hintergrund

Bildlegende: In «I, Robot» (1950) sind neun Science-Fiction-Kurzgeschichten von Isaac Asimov publiziert, darunter auch «Runaround». Wikimedia

Mit diesen Robotergesetzen in der Kurzgeschichte «Runaround» von 1942 hat sich der US-amerikanische Autor und Biochemie-Professor Isaac Asimov unsterblich gemacht. Zahlreiche Autoren nahmen sie auf, spannen sie weiter, persiflierten sie.

Auch Asimov selbst kehrte immer wieder zu den Robotergesetzen zurück. Regel 1: Kein Roboter darf einen Menschen verletzen oder durch Untätigkeit riskieren, dass er verletzt wird. Regel 2 fordert, dass Roboter die Befehle ihrer menschlichen Herren ausführen müssen, es sei denn, dies bringe sie in Konflikt mit Regel 1. Und Regel 3 verlangt, dass ein Roboter sich selbst schützen muss, ausser er verletze damit Regel 1, schade also einem Menschen.

Faszination der Technik – und Ethik

In der Story «Runaround» soll Roboter Speedy das dringend benötigte Element Selen herbeischaffen. Doch dies ist wegen der harschen Bedingungen auf dem Merkur sehr gefährlich. Ein logisch-ethischer Kurzschluss zwischen Regel 2 und 3 entsteht, den Speedy nicht lösen kann. Er wird verrückt. Sein Besitzer kann Speedys Elektronengehirn nur aus dieser Endlosschlaufe holen, indem er sich vor den Augen des Roboters in Lebensgefahr bringt – denn so kommt die rettende Regel 1 ins Spiel.

Diese Verquickung von Technik und Ethik zeichnet Asimovs Geschichten aus. Schnörkellos zwar in Stil und Inhalt, gehorchen sie doch nicht dem Simpel-Schema, das viele dem Science-Fiction-Genre anlasten: Asimov erfindet futuristische Roboter nicht allein wegen seiner Faszination an der Technik. Er will ausloten, in welche Dilemmas und Nöte diese Technik eine Gesellschaft stürzen kann.

Ambivalenz der Technik vorausgesehen

Die drei Robotergesetze haben sogar die Wissenschaft inspiriert. Immer wieder fragten sich Forscher, ob die Asimov'schen Regeln auch für real existierende Roboter sinnvoll wären. Angesichts von Drohnen und Kampfrobotern ist zu konstatieren, dass zumindest Regel 1 («Kein Roboter darf einen Menschen verletzen oder durch Untätigkeit riskieren, dass er verletzt wird») gegenwärtig nicht hoch im Kurs steht.

Asimov hat diese Ambivalenz der Technik vorausgesehen: In seiner Welt von 2015 sind die Roboter zwar unverzichtbare Helfer bei der Eroberung ferner Planeten. Auf der Erde aber sind sie verboten, weil die Menschen Angst vor ihnen haben.

Tamagotchi lässt grüssen

Auch die menschliche Neigung, verblüffend schnell eine enge Bindung mit einem seelenlosen Gegenstand einzugehen, hat Asimov bereits erkannt. In einer seiner Geschichten verliebt sich ein 8-jähriges Mädchen in seinen Betreuungsroboter, einen ungelenken, metallenen Schlacks. Seine Mutter ist empört, dabei tut das Gehirn des Mädchens nur, was ein menschliches Gehirn gerne tut: Sobald es in einem Gegenstand geringe Anzeichen von Leben sieht, so akzeptiert es diesen gerne als beseelten Genossen. Zwei Pixel als Augen genügen, wie das Tamagotchi bewiesen hat.

Weniger treffsicher war Isaac Asimov bei technischen Prognosen. Sie waren zu optimistisch: Seine Roboter von 2015 sind den heutigen real existierenden Exemplaren weit voraus. Kein Roboter könnte heute wie Speedy bei ethischen Denkübungen wahnsinnig werden. Manche Forscher versichern aber, bis 2050 sei es soweit: Dann müssten sich die Menschen den Maschinen im IQ-Test geschlagen geben. Wir werden sehen.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 20.1.15, 17.30 Uhr

«Roboter wie wir»

Der Roboter wird immer menschlicher und der Mensch verbessert mit Technologie seine Fähigkeiten. Was heisst das für die Gesellschaft von morgen? Diesen Fragen widmete sich SRF im umfassenden Special «Roboter wie wir» .

Buchhinweis

Isaac Asimov: «Runaround», in: Alle Roboter-Geschichten. Bastei Lübbe, 2011.