Erzählungen aus Nordkorea Wie Lichtpunkte in einer abgeschirmten Welt

Es sind 743 Seiten Landesverrat – mit Bleistift auf grobes, braunes Papier geschrieben. Unter dem Pseudonym Bandi erzählt ein Nordkoreaner vom Leben unter der Diktatur. Nun erscheinen seine Erzählungen auf Deutsch.

Eine Strasse in Pjöngjang.

Bildlegende: Über den Alltag in Nordkorea ist uns wenig bekannt – Bandis Geschichten sind daher eine Sensation. Keystone

Das Wichtigste in Kürze:

  • Ein literarischer Dissident spiegelt in seinen Geschichten den nordkoreanischen Alltag der 1990er-Jahre.
  • Das Manuskript wurde von Aktivisten aus dem Land geschmuggelt und unter dem Pseudonym Bandi («Glühwürmchen») veröffentlicht.
  • Ein rares Zeugnis des nordkoreanischen Alltags – dem man aber die dogmatische Prägung anmerkt.

Der Mann, der die Geschichten aufgeschrieben hat, nennt sich Bandi. Das bedeutet auf Koreanisch «Glühwürmchen». Unter diesem Pseudonym erzählt er nüchtern und eindringlich, wie die Menschen unter dem kommunistischen Regime Nordkoreas leben.

Sieben Erzählungen, datiert zwischen 1989 und 1995. Keine Geschichte, in der nicht die Existenz eines unschuldigen Menschen vom Regime zerstört wird.

Manuskript über China geschmuggelt

Der Mann, der Bandis Manuskript entdeckt und herausgegeben hat, ist der in Südkorea lebende Aktivist Do Hee-Yoon. Er ist Vorsitzender einer NGO, die sich für nordkoreanische Flüchtlinge einsetzt. Die Identität von Bandi hält er streng geheim. Denn würde Bandi entdeckt, wäre ihm ein grausamer Tod gewiss.

Vom Dissidenten Bandi weiss Do seit 2012. Damals hilft er einer Nordkoreanerin, die auf ihrer Flucht von den chinesischen Behörden aufgegriffen worden ist. In Südkorea erzählt sie Do von Bandi. Bandi habe ihr sein Manuskript mitgeben wollen. Doch sie liess es zurück – zu riskant schien ihre Flucht, zu fürchterlich die Konsequenzen, falls sie mit dem Manuskript abgefangen würde.

Do Hee-Yoon engagiert darauf einen Bekannten, der als Tourist von China nach Nordkorea einreist. Er findet Bandi und überzeugt ihn davon, ihm das geheime Manuskript anzuvertrauen. Zwischen Propagandaschriften versteckt, soll es über die Grenze geschmuggelt worden sein.

Keine Fälschung

Die Geschichte scheint wirklich wahr zu sein. Ein Journalist der New York Times konnte das Manuskript begutachten. Und auch Lee Ki-Hyang, von der die deutsche Übersetzung mit dem Titel «Denunziation» stammt, hält die Geschichten für echt nordkoreanisch: «Bandis Metaphern und Redewendungen klingen teilweise fremd für einen südkoreanischen Leser. Es gibt eine Menge von Worten, die es im Südkoreanischen gar nicht gibt.»

In Südkorea gibt es zudem eine Reihe nordkoreanischer Exilautoren, die Mitglied des internationalen PEN-Clubs sind. Auch sie halten die Erzählungen für echt.

Aussergewöhnlich an Bandis Stimme sei der literarische Einblick in das alltägliche Leben der Menschen in Nordkorea, findet Lee Ki-Hyang: «Es gibt viele südkoreanische Schriftsteller, die sich mit dem Thema der Teilung des Landes auseinandergesetzt haben. Doch Konkretes aus dem nordkoreanischen Alltagsleben war bisher schwer zu finden.»

Sozialistisches Erbe

Wie realistisch die Geschichten den nordkoreanischen Alltag der frühen 1990er-Jahre vermitteln, lässt sich indessen kritisch hinterfragen. Es ist bekannt, dass Bandi, Jahrgang 1950, in seiner offiziellen Funktion zeitlebens für staatliche Propaganda-Zeitschriften geschrieben hat. Die Tendenz zu dogmatischen Botschaften ist auch in seinen dissidenten Schriften zu erkennen.

Seine Geschichten geben daher auch einen Einblick in die literarische Tradition des Landes. Denn trotz seines regimekritischen Kampfgeistes bleibt er im sozialistischen Realismus verwurzelt. Bandi hat eine moralische Erzählhaltung, die kommunistische Ideale durchaus verinnerlicht hat. Dramaturgisch vermag Bandi Spannung zu erzeugen, in der Figurenzeichnung neigt er jedoch zu Stereotypen.

«Leuchten in einer finsteren Welt»

Bandis Erzählungen lassen den Gesinnungswandel erahnen, den der Autor im kommunistischen Nordkorea durchlaufen haben muss. Symptomatisch scheint hierfür die Erzählung «Irya Madya, Schatzpferd!».

Sie handelt von einem alten Mann, der als Kriegsheld und wackerer Arbeiter seinem Land ein Leben lang gedient hat. Am Ende fällt er aus Enttäuschung die Ulme vor seinem Haus – ein Symbol für seinen Glauben an eine bessere Zukunft im Kommunismus.

Neben den sieben Geschichten waren in dem geschmuggelten Manuskript auch 50 Gedichte von Bandi enthalten, die jedoch separat publiziert werden sollen. In einem der Gedichte erklärt Bandi sein Pseudonym: Das Glühwürmchen trage das Schicksal, alleine zu leuchten in einer finsteren Welt.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 2.5.17, 6:50 Uhr

Buchhinweis

Bandi: «Denunziation», übersetzt von Lee Ki-Hyang, Piper 2017.

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