Wiener Kaffeehaus-Kultur: Innerer Monolog am Stammtisch

Um 1900 war das Wiener Kaffeehaus Schreibwerkstatt, Wohnung und Weltanschauung zugleich. Schriftsteller wie Arthur Schnitzler und Peter Altenberg schreiben hier in guter intellektueller Gesellschaft – und sparen Heizkosten. Eine kleine Geschichte vom Vorabend des Ersten Weltkriegs.

Der Schriftsteller Peter Altenberg sitzt alleine am Tisch eines Kaffees. Er schaut in die Kamera, auf dem Tisch liegt eine Zeitung.

Bildlegende: Wenn der Schriftsteller Peter Altenberg nicht hier im Kaffeehaus sitzt, dann ist er zumindest auf dem Weg dahin. Wikimedia

Wien, Anfang des 20. Jahrhunderts. Zur Jahrhundertwende erscheint Siegmund Freuds Buch «Traumdeutung», das die Geheimnisse unseres Innersten zu lüften scheint. Zeitgleich veröffentlicht der Arzt und Schriftsteller Arthur Schnitzler, der mit Freud gut bekannt ist, seine Novelle «Leutnant Gustl»: Eine neue literarische Erzählform, der innere Monolog, ist geboren.

Schnitzler verkehrt wie zahlreiche Literaten im «Café Griensteidl», das auch «Café Grössenwahn» genannt wird. Dort traf man zuerst die wichtigsten Politiker an, danach sind es die wichtigsten Literaten: Unter anderem Schnitzler, Peter Altenberg, Karl Kraus, die gerade das «Junge Wien» gegründet haben, die literarische Wiener Moderne. Wien strotzt nur so von scharfzüngigen Feuilletonisten und Schriftstellern. Es ist die Blütezeit des literarischen Kaffeehauses, zu dieser Zeit werden in der Stadt 200 gezählt.

Stammtisch im «Café Central»

Café Central

Bildlegende: Nach der Schliessung des Café Griensteidl wurde das Café Central in Wien zum neuen Intellektuellen-Treffpunkt. viennatouristguide.at

Bald schon wechselt Peter Altenberg vom «Café Griensteidl» ins «Café Central» an der Herrengasse, um dort seinen eigenen Literatenstammtisch zu gründen. Mit dabei sind Adolf Loos, Egon Friedell und Alfred Polgar. Das Café wird zum Wohnzimmer – so gibt Alfred Polgar die Adresse des Centrals als seine eigene an. Man trinkt seinen Kaffee. Das berühmte Glas Wasser, das in einem guten Wiener Kaffeehaus nie leer steht, darf natürlich nicht fehlen; es ist vielmehr eine Einladung zum Bleiben. Man schreibt an seinen Texten und nutzt die Gelegenheit, diese mit seinen Kollegen zu diskutieren, um anschliessend daran zu feilen.

Einsamkeit als Geselligkeit

So wird das Kaffeehaus zum öffentlichen Raum, ist gleichermassen Ort des Schreibens wie Kontaktbörse, wo «man» sich trifft und den Austausch mit Gleichgesinnten pflegt. Sucht man gute Gesellschaft, findet man sie hier. Will man seine Ruhe haben, wird sie einem gewährt. Im Kaffeehaus kann man unter Menschen einsam sein – «die liebste Form der Geselligkeit», wie es Otto Friedländer einmal beschrieb, «allein zu sein, ohne sich allein zu fühlen».

Portraitaufnahme des Schriftstellers Arthur Schnitzler, der in einer dunklen Anzugjacke vor der Kamera posiert.

Bildlegende: Arthur Schnitzler: Einer der bedeutendsten Kaffeehausliteraten der Wiener Moderne. Wikimedia

«Das Café Central ist nämlich kein Caféhaus wie andere Caféhäuser, sondern eine Weltanschauung, und zwar eine, deren innerster Inhalt es ist, die Welt nicht anzuschauen. Seine Bewohner sind grösstenteils Leute, deren Menschenfeindlichkeit so heftig ist wie ihr Verlangen nach Menschen, die allein sein wollen, aber dazu Gesellschaft brauchen», beschreibt es Alfred Polgar in seiner «Theorie des Café Central».

Und Karl Kraus schreibt: «Dem Bedürfnis nach Einsamkeit genügt es nicht, dass man an einem Tisch allein sitzt. Es müssen auch leere Sessel herumstehen. Wenn mir der Kellner so einen leeren Sessel wegzieht, auf dem kein Mensch sitzt, verspüre ich eine Leere und es erwacht meine gesellige Natur. Ich kann ohne freie Sessel nicht leben.»

Zufluchtsort vor Missständen

Das Kaffeehaus ist aber nicht nur Treffpunkt und Lebensmittelpunkt der Literaten, ist nicht nur Arbeits- und Unterhaltungsstätte. (Über Peter Altenberg gibt es denn auch das Bonmot, er sei, wenn nicht im Kaffeehaus, so doch zumindest auf dem Weg dorthin.) Das Wien der Jahrhundertwende, das Wien vor der Katastrophe des Ersten Weltkriegs ist geprägt von einer Orientierungslosigkeit, von einem Wertvakuum, es ist ein Nebeneinander von Aufbruchs- und Untergangsstimmung. Und so ist das Kaffeehaus auch Zufluchtsort vor den politischen und sozialen Missständen, es dient als Rückzugsmöglichkeit aus der Welt in einen Mikrokosmos.

Zeit der kurzen Formen

Man sehnt sich nach Orientierung, nach Klarheit in dieser unübersichtlich gewordenen Welt. Und so verwundert es nicht, dass die Herren – unter ihnen Karl Kraus, Peter Altenberg, Egon Friedell, Anton Kuh und Alfred Polgar – für ihr Schreiben die Kürze entdecken, die Ausdruckskraft der kleinen Form: sei es die Satire, Gesellschaftskritik, Theaterkritik oder allgemeine Beobachtungen von Menschen und Situationen mit einer Art moralischem Zeigefinger, gegen Kriegsverbrechen, Justizirrtümer, soziale Ungerechtigkeit. Alles dreht sich um die Pointe, aber nicht um der reinen Pointe willen. Dafür Beispiel gebend ist die von Karl Kraus in den Jahren 1899 bis 1936 herausgegebene satirische Zeitschrift «Die Fackel».

Das beheizte Wohnzimmer

Wie so oft stehen ökonomische Veränderungen am Anfang der Kette: Nach der Revolution von 1848 war es zu einer Abschwächung der Zensurgesetze gekommen, was wiederum einen Aufschwung des Zeitungswesens zur Folge hatte. Allein im Café Central konnten über 250 verschiedene Zeitungen gelesen werden. Zudem gab es 1873 den grossen Börsenkrach, die Heizressourcen waren knapp – beste Voraussetzungen für das Kaffeehaus, um in kurzer Zeit zum beheizten Wohnzimmer zu avancieren. Und das nicht nur in Wien, auch das Café Odeon in Zürich, das Café Kranzler in Berlin, das Caffè Greco in Rom, das Caffè Florian in Venedig oder Les Deux Magots in Paris waren Treffpunkte der Literaten.

Buchhinweis

Andreas Nentwich: «Alfred Polgar. Leben in Bildern.» Deutscher Kunstverlag, 2012.

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