Becks «Song Reader» – ein Album zum selber spielen

Im letzten Dezember brachte der amerikanische Musiker Beck ein ungewöhnliches Album heraus, bestehend nur aus gebundenen Noten auf Papier. Zweck: Jeder soll die Songs von «Song Reader» selber spielen. Nun lassen sich im Netz die ersten Melodien ernten.

Der Künstler Beck vor einem alten Auto.

Bildlegende: Noten statt Album: Beck lässt seine neuste Musik von seinen Fans einspielen. BECK.COM

Was ein paar Blätter Papier mit Punkten und Strichen in der heutigen Zeit noch auszulösen vermögen, zeigt der «Song Reader» des amerikanischen Musikers Beck. Das Notenbuch beinhaltet 20 von Beck komponierte Songs, die von ihm selber nirgendwo aufgenommen und veröffentlicht worden sind.

DIY - Ein Lob auf Do It Yourself

Das Besondere an dem Projekt liegt in der Kombination von Altem und Neuem. Alt ist die Form der Vermittlung: Noten bilden die Grundlage der Musikstücke. Neu sind die Technologien, welche die Interpretationen und deren Verbreitung ermöglichen. So werden Grenzen verwischt: zwischen Musikstilen, zwischen Jung und Alt, zwischen Professionalität und Laientum.

Dadurch, dass die Songs nur dafür geschrieben wurden, gecovert zu werden, kann die Musik viel mehr Facetten entfalten. Es gibt kein dominantes Referenzwerk, das die nachfolgenden beeinflusst. Ungewöhnlich auch, dass sich der Künstler als Schöpfer des Werks derart zurück nimmt. Er verschwindet freiwillig hinter all den Files, räumt quasi das Feld für seine Fans. Zumindest für die musikalisch begabten.

Immer reichere Auswahl

Sein ganzes Potential konnte das Projekt erst nach und nach entfalten. Mittlerweile finden sich Hunderte von Versionen auf der zum Album gehörenden Website. Dort kann der musikalisch veranlagte User eigene Interpretationen der Songs hochladen. Diese lassen sich nach Audio oder Video, kürzlich hochgeladen und meistbeliebt oder schlicht nach dem Liedtitel sortieren. Manche stellen einfach ihren Lieblinssong hoch, andere spielen gleich das ganze Album ein.

Bongos vor Blümchenvorhang

Da findet man beispielsweise den von klassischer Musik inspirierte Song «Why Did You Make Me Care» der Sängerin Mary Bichner. Arrangiert hat sie das Stück mit einem Streichquartett, das sich im Video klassisch im Halbkreis präsentiert, vor sich die Notenständer.

Ein willkommener Kontrast zu den meist jungen Selbstdarstellern bietet das Duo «Dave and Ted». Freunde der gepflegten Hausmusik können sich an den beiden älteren Herren erfreuen: Vor einem mit Blumen bedruckten Vorhang geben sie mit Piano und Bongo ihre Version der Beckschen Songs zum Besten.

Feuilleton mal anders

Neben all den Homevideos gibt es auch professionell produzierte Stücke. Dazu gehört «Eyes That Say I Love You» der Band «Milktooth» aus Nashville. Soundqualität und Gestaltung heben sich ab von der übrigen DIY-Ästhetik - Beck bedankte sich dann auch prompt auf Facebook bei der Band für diese Version des Songs.

Der Hype um das ungewöhnliche Album machte auch vor den Feuilletonisten nicht halt. Diese fühlen sich bisweilen dazu aufgefordert, wieder einmal selbst das Instrument aus dem Mottenschrank zu nehmen. So stellte etwa die Redaktion des «New Yorker» nebst einer Album-Kritik gleich die eigene Interpretation von «Old Shanghai» ins Netz.

Bereits haben professionelle Musiker wie Mary Bichner ganze Konzerte mit dem Beck Album performt. Für den musikinteressierten User ist die Website eine Schatztruhe: Zu finden ist eine bunte Vielfalt von chinesischen Instrumentalisten, tanzenden Kindern und Hochzeitsvideos, vereint durch die Musik von Beck.